Premiere

Oliver Mommsen - "Uns fehlt der Mut zum Kitsch"

Oliver Mommsen über den Segen des Boulevard, den Trick mit der Nase und „Tatort“-Kommissar Stedefreund. Ein Treffen in seinem Kiez.

Schauspieler Oliver Mommsen im Bergmannstraßen-Kiez  in Kreuzberg

Schauspieler Oliver Mommsen im Bergmannstraßen-Kiez in Kreuzberg

Foto: jörg Krauthöfer

Oliver Mommsen treffen wir mitten im Bergmann-Kiez in einem Italo-Café, in Kreuzberg lebt der Schauspieler mit seiner Familie seit 16 Jahren. Momentan steckt er im Probenstress für „Die Tanzstunde“, die am Sonntag (18 Uhr) in der Komödie am Kudamm Premiere hat. Und dann sitzt vor uns ja noch der „Tatort“-Kommissar Nils Stedefreund.

Können Sie tanzen?

Oliver Mommsen: Ich tanze gerne! (lacht) In dem Stück gibt es einen Moment, wo die Welt sich verändert und alles schöner ist als die Realität und da tanzen wir nach Robbie Williams „Ain`t That A Kick in The Head“ mit ganz großem Jazzorchester hinten dran. Leider nicht live, dass können wir uns nicht leisten.

Wie bereiten Sie sich auf den Autismus Ihrer Figur Ever vor, ohne dass die Figur zur Karikatur wird?

Ich habe viel recherchiert, bin zum dem Schluss gekommen, dass jeder Autist anders ist, auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt. Das Spektrum geht ins Extreme, bis hin zum komplett eingeschlossen sein im eigenen Körper und Geist. Im Drehbuch steht, das Ever sein Gegenüber nicht angucken kann. Es gibt den Trick, dass Autisten gern auf die Nasenwurzel gucken, so zu tun, als gucken sie ihrem Gegenüber in die Augen. Das ist auf der Bühne schwierig und nicht wirklich hilfreich, weil es nicht sichtbar ist.

„Die Tanzstunde“ ist die fünfte Rolle in der Komödie, dann kommt der „Tatort“ dazu…

Ich stehe auf beiden Beinen. Jeder Schauspieler wird Ihnen das sagen, wenn man beides machen kann, ist das am Besten: die feine, nur auf den Moment ausgerichtete Arbeit beim Film, dieses mit dem Skalpell arbeiten. Dieser Moment, wo ein Atemzug die Welt verändern oder ein Augenaufschlag etwas bedeuten kann. Auf der anderen Seite kann ich auf der Bühne in den Farbtopf greifen und groß zeichnen. Wo mir jeder Abend neu gehört, wo mir keiner dazwischen spricht und abbricht. Wo die Probe ein Platz ist, wo du dumm sein darfst, dass darf man am Set nicht. Beim Film kriegt man das nicht hin, dass die Crew sich für eine Woche nach Rügen oder Fischland verzieht und erstmal diesen Film spürt. Dass ist das Tolle beim Theater, du darfst sechs Wochen mit den Kollegen, der Regie auf die Suche gehen.

Sie leben gut mit diesen zwei Standbeinen?

Total. Jetzt gerade, (er zeigt aus dem Fenster hinaus auf ein Auto) habe ich zwei große Ikea-Tüten eingepackt. Wenn ich ins Theater ziehe, dann richtig. Mit Bettdecke und allem Drum und Dran.

Wie, Sie schlafen im Theater?

Ich übernachte nicht dort. Aber wenn ich am Kudamm etwas zu tun habe und weiß, in vier Stunden ist Aufführung, fahre ich doch nicht noch mal nach Hause. Ich bin Internatskind, ich kann mit kleinen Räumen umgehen, sie schnell gemütlich machen.

Die Garderobe…

Ja, das wird mein zu Hause. Da lachen schon alle. Als ich das erste Mal dort gespielt habe, hatte ich tagsüber Probe und abends Vorstellung. Da habe ich mir aus einer Garderobe ein Bett rübergeschoben. Die Garderobiere schaute nicht schlecht und sagte: „Haste ein Bambi gewonnen oder what?“ Sie dachte wohl, ich hätte Starallüren, weil ich mich so breit gemacht habe. Mittlerweile wird jeder gerne in meine Garderobe geführt, nach dem Motto, hier wohnt ein Spinner.

Hört sich gemütlich an.

Es ist gemütlich, es ist verträumt, hier sind die Glücksbringer. Ich reise mit einer Batterie an Glücksbringern.

Da ist nicht etwa ein Schornsteinfeger dabei oder?

Ein Schornsteinfeger, ein vierblättriges Kleeblatt, der Marienkäfer, der Pfennig. Ich kriege ja auch viel geschenkt. Und ich habe Fotos von Menschen dabei, die ich liebe, wo ich hingucken kann, wenn die Angst kommt, und die Mut machen, dass der Abend gut über die Bühne geht.

Sonntagabend habe ich an Sie gedacht, es gab den letzten „Tatort“ für Kopper alias Andreas Hoppe. Sie verabschieden sich 2019 – zusammen mit Sabine Postel – vom Bremer „Tatort“.

Sie kriegen von uns noch drei „Tatorte“ zu sehen. Wir mussten früh Bescheid sagen, damit ein neues Team gefunden wird, und wir der Branche signalisieren können, die Plastikpistole wird an den Nagel gehängt. Man muss so einen Kommissar irgendwann einmal wieder loswerden. Er ist ja sehr, sehr, sehr dominant. Viele, viele Menschen kennen Stedefreund und verwechseln Stedefreund mit Mommsen.

Kriegen Sie ein ordentliches Showdown wie Kopper?

Am 11. März kommt erst einmal „Im toten Winkel“, ein sehr harter Film. Es geht um das Altwerden in Deutschland. Wir Ermittler haben da nicht so viel zu melden, es geht um drei große Schicksale, die unter die Haut gehen. Kein lauter „Tatort“, doch umso schmerzhafter. Danach haben wir einen gedreht, er ist so bekloppt, dass ich nicht drüber reden darf. Da haben wir die Figur Stedefreund so runtergerockt. Was beim Finale passiert, erfahre ich in ein, zwei Monaten. Noch habe ich kein Drehbuch.

Konnten Sie Wünsche für Ihren Abgang anbringen?

Nein, ich bin Fachidiot, das bin ich wahnsinnig gerne. Meine Fantasie fängt an, wenn ich das Drehbuch in der Hand habe. Ein paar Wünsche für andere Rollen hätte ich schon. Dass was Liam Neesen zur Zeit spielt, diese normalen Familienväter, die in Situationen geraten, die viel zu groß sind für sie. Und die ohne Superkräfte und Polizeiapparat etwas lösen müssen. Ich mag auch die große Showtreppe, würde wahnsinnig gerne mal einen tollen Transvestiten spielen. So wie Devid Striesow, der in „Tanspapa“ eine großartige Figur hingelegt hat. Nicht schillernd und bunt, sondern ein Häkeldeckchen-Muttchen, das fand ich toll. Und ja, ich lechze auch nach dem beeeestialischen, böööösen Mörder (lacht)…

Das klingt ja nun doch wie eine Bewerbung für den nächsten Krimi?

Überhaupt nicht. Ich bin eher der Typ, der die Menschen mit einem Lächeln und/oder mit einem blutenden Herzen aus dem Fernsehabend oder dem Kino entlässt, als mit sozialkritischen Themen. Ich mag „bigger than life“.

Nun ja, der Bremer „Tatort“ war aber immer relativ gesellschaftskritisch.

Ja, das stimmt. Wenn Drehbücher aus Bremen kamen, durfte ich oft gleich noch mal auf die Schulbank. Ich wusste nicht was Frontex ist, nicht, wie weit man im Internet manipulieren kann, wie es mit dem Pflegenotstand wirklich aussieht, dass es dort mafiöse Strukturen gibt. Aber ich komme doch vom Hollywood-Kino! Ich mag Kaugummi, Popcorn – und tolle Blondinen!

Waren Sie „Tatort“-müde, oder ist der Tatort in einer Krise? Sie sind ja nicht der erste, der geht?

Ich bin volljährig, war 18 Jahre der Kommissar. Müde? Überhaupt nicht. Eher Angst zu routiniert zu werden. Seien wir ehrlich: Die Ermittlungsarbeit wiederholt sich, die Situation im Büro, das Spiel mit den Akten, die Gänge, das Reden. Ich bin einfach neugierig, habe viel gelernt und dieses Wissen nehme ich jetzt mit und transportiere es woanders hin.

Mit der Komödie am Kudamm haben Sie sich für den Boulevard entscheiden.

Das Boulevard-Theater liegt mir sehr. Von meiner Film-Sozialisierung her komme ich aus dem furchtbaren, amerikanischen Mainstream der 80er-Jahre: „Fame“, „Harry und Sally“, „Sleepless in Seattle“. Ich liebe die romantische Komödie. Aber die werden wir meines Erachtens im deutschen Fernsehen nicht knacken.

Was fehlt uns denn?

Der Mut zum Kitsch. Wir machen Liebe mit ein bisschen lustig. Ich habe gerade in Amerika gedreht, die Amis haben es einfach im Blut. Die haben das Show-Gen, aber man wird dabei nicht albern wie die Deutschen. Genauso muss es in der romantischen Komödie sein, sie muss gleichzeitig den Mut haben in die großen Gefühle zu kommen. Da geht es um Tod, Verlust, um alles. Aber irgendwo flirrt die Hoffnung, dann kommen die Geigen. Das Boulevard-Theater kommt dem sehr nahe. Martin Woelffer hat es geschafft, dass klassische Abonnentenpublikum immer wieder herauszufordern. Stücke wie „Lieber schön“ und „Fettes Schwein“ sind moderner Boulevard. Da fühle ich mich puddelwohl. Und jetzt bin ich im Wort: Wir wollen in der Komödie einmal im Jahr eine Premiere feiern.

Die Zeit haben Sie ja jetzt.

Das Schöne am Boulevard ist, ich habe einen Vorteil meinen Kollegen an „ernsten“ Theatern gegenüber. Bei uns sitzt das Publikum schon vorne an der Stuhlkante und will Spaß haben!

Ihre Frau ist Drehbuchautorin. Sind sie manchmal ein Team und Ihre Frau berät Sie?

Das ist länger nicht passiert, weil jeder mit sich beschäftigt ist. Oft war es aber so, dass sie mir erst den richtigen Eintritt in die Figur verschafft hat, dass ich plötzlich wusste, so tickt der. Sie hat Produktion studiert, kommt aus einer Filmfamilie und hat einen klaren Blick auf die Situation. Wir haben allerdings das alte Modell gefahren: Der Mann geht jagen, die Frau kümmert sich um die Höhle und die Kinder. Jetzt versuchen wir, endlich meine Frau ins Spiel zu bringen. Wir sind nahe dran. (lacht)