Kultur

In einem diabolischen Rausch

Andrei Gavrilov gibt ein mitreißendes Benefizkonzert

Erinnern Sie sich noch an Andrei Gavrilov? Der russische Virtuose wurde vor knapp 30 Jahren auf den internationalen Bühnen gefeiert, geriet 1993 in eine Lebenskrise und zog sich vom Podium zurück. Seit 2001 tritt er wieder auf, nun konnten ihn auch die Berliner Klavierfans wieder erleben, im Neujahrs-Benefizkonzert des jüdischen Bildungszen­trums Chabad Lubawitsch zugunsten des Jüdischen Campus und mit dem ersten Tschaikowsky-Konzert.

Auch wenn manches darin etwas grobschlächtig geriet, war es doch nach wie vor bewundernswert, mit welch raubtierhaftem Zugriff er den flott gespielten Finalsatz nahm und wie er es verstand, dem Flügel silbrig-glitzernde Pianissimo-Passagen zu entlocken. Dass er immer noch ein Weltklasse-Virtuose ist, zeigte er vor allem in der Zugabe, der „Teuflischen Einflüsterung“, einem grotesken Effektstück aus der Feder des jungen Prokofjew. Gavrilov spielte rasend schnell, aber präzis und steigerte sich in einen diabolischen Rausch hinein; ein Wunder, dass der Flügel am Ende nicht explodierte. Da war der Jubel groß in der gut gefüllten Philharmonie. Zu Recht.

Auch das German National Orches­tra konnte an diesem Abend überzeugen, unter dem russisch-jüdischen Dirigenten Michael Zukernik gelangen beachtliche Darstellungen der Werke. Mit gemäßigtem Pathos und straffen Tempi gestaltete er das Tschaikowsky-Konzert, kontrastreich und klangsinnlich Dvoráks „Symphonie aus der Neuen Welt“, hier glänzten vor allem die Streichersolisten und die klangschön aufspielende Soloflötistin. Da hörte man gerne über ein paar Patzer bei den Hörnern und Trompeten hinweg, da grundsätzlich engagiert musiziert wurde.

Natürlich standen in diesem Konzert auch jüdische Solisten auf der Bühne. So konnte man einen der bedeutendsten jüdischen Kantoren unserer Zeit erleben: Yitzchak Meir Helfgot aus New York. Mit seiner tief berührenden und glänzend ausgebildeten Tenorstimme interpretierte er Werke jüdischer Komponisten wie Shmuel Brazil oder Moshe Koussevitzky, und verwandelte so die Philharmonie beinahe in eine Synagoge.

Das Stück von Schneur Salman fiel in seiner Eintönigkeit gegenüber den anderen Stücken etwas ab. Hier betrat das hervorragende Klarinettenduo Gurfinkel die Bühne, allerdings hatten die Musiker nur wenig solistisch zu spielen, wer eine „Giora-Feidman-Performance“ erwartete, wurde allerdings enttäuscht. Dennoch war es insgesamt ein gelungenes und originelles Neujahrskonzert mit einem großen Anteil an jüdischen Besuchern.