Kultur

Wiederentdeckung der Prinzessin aus Istanbul

Fahrelnissa Zeid war eine der ersten Frauen, die in der Türkei Kunst studierte. Die KunstHalle zeigt ihr eigentümliches Werk

Was für eine Frau, was für ein kosmopolitisches Leben! In Istanbul geboren, danach Paris, Berlin, Bagdad, London, am Ende Aman, dort starb Fahrelnissa Zeid (1901–1991). Eine Wandliste in der Kunsthalle der Deutschen Bank gibt Auskunft über diese so ungewöhnliche Vita der türkischen Malerin, die als Pionierin der Moderne gilt und sich nicht auf einen Stil festlegen lässt – ihr Werk ist beeinflusst von den Avantgarden ihrer Zeit. Ein Selbstporträt von 1944 zeigt sie als elegante, selbstbewusste Frau, die mit ihren blauen Augen doch recht skeptisch auf ihr Gegenüber schaut.

Nach der großen Retrospektive in der Tate London ist ihr in Berlin bisher unbekanntes, disparates Œuvre nun Unter den Linden zu sehen. Ihre großformatigen abstrakten Arbeiten der 50er- und 60er-Jahre bilden den Kern dieser Schau, die sich auf zwei neu eingebauten Ausstellungsetagen versammelt. Unter den Linden ist man schon länger dabei, den westlich orientierten Kunst-Kanon aufzubrechen und auszuweiten auf andere Kunsttraditionen.

Zeids Familie gehörte zu den intellektuellen Kreisen Istanbuls, ihr Vater war Diplomat. So war sie eine der ersten muslimischen Frauen in der Türkei, die Kunst studierte. In den späten 1920er-Jahren setzte sie ihr Studium in Paris fort, in der Stadt der Avantgarde kam sie mit Strömungen wie dem Kubismus, Surrealismus und dem Expressionismus in Berührung. Nach einer gescheiterten ersten Ehe mit dem türkischen Autor Izzet Melih Devrim heiratete sie 1933 Prinz Zeid Al-Hussein, den damaligen irakischen Botschafter in Ankara und Halbbruder des irakischen Königs. Was ihr den despektierlichen Titel „Mal-Prinzessin“ einbrachte, sie gehörte ja nun zum Königshaus. Als ihr Mann nach Berlin berufen wurde, ging sie natürlich mit. Zum Malen kam sie kaum, ihre Verpflichtungen als Diplomatengattin gaben ihr wenig Raum. Zu diesem Berlin-Kapitel hätte man gerne noch etwas mehr erfahren. An der Spree soll sie angeblich mit Hitler über Kunst gesprochen haben. Ob sie hier auch so große Salons führte wie in Paris, wo sie Künstler wie Marc Chagall und Giorgio de Chirico zu Gast hatte?

Merkwürdig sehen sie schon aus, die Truthahn- und Hähnchenschenkel, die in Harz gegossen in Vitrinen liegen. Sehr experimentell, insofern passen diese „Skulpturen“ auch zu Zeid. Doch dieses Geflügel markiert eine dramatische Zäsur in ihrem Leben. Im Sommer 1958 wird bei einem Staatsstreich im Irak die Königsfamilie ermordet. Zeid muss mit ihrem Mann die Botschaft in London verlassen, sie ziehen in ein Apartment – und sie beginnt das erste Mal in ihrem Leben selbst zu kochen. Mit der Malerei hört sie auf, die Knochenarbeit beginnt, durchaus symbolisch.

Zeid begann malerisch traditionell, – wenn gleich surreal unterfüttert – mit der Figuration, wandte sich später der ornamentalen Abstraktion zu mit mosaikartigen Farbtableaus, die mehr einer bewegten Seelenlandschaft gleichen. Bei einigen Bildern gewinnt man den Eindruck, jeder Pinselstrich sei ein Schlag gegen ihre inneren Dämonen. Die Leinwände scheinen die Farbe einzusaugen wie ein Strudel. Es gibt Wellen und Wogen und Splitter, nur kein großes Ganzes. „Fight Against Abstraction“ zeigt diesen Kampf zwischen beiden Stilen. Eine Hand versucht die abstrakten Muster zu greifen. Verblüffend ist, dass sie am Ende ihres Lebens zur Figuration zurückkehrte. Sie malte Freunde und Bekannte, wenngleich nicht realistisch, sondern stets etwas überzeichnet.

KunstHalle der Deutschen Bank, Unter den Linden 13–15. Tgl. 10–20 Uhr. Bis 25. März