klassik-kritik

Traumwandlerisch sicheres Zusammenspiel

Das Duo Alina Ibragimova und Cédric Tiberghien im Boulez-Saal

Nach wie vor erklingt nur wenig Kammermusik der französischen Spätromantik in deutschen Konzertsälen. Umso erfreulicher ist es, wenn sich herausragende Interpreten wie die russische Geigerin Alina Ibragimova und ihr französischer Klavierpartner Cédric Tiberghien dieser Musik annehmen. Der von Louis Vierne zum Beispiel. Er gehört zu den wichtigen französischen Orgelkomponisten, doch seine Violinsonate wird fast nie gespielt, obwohl es sich dabei um große Musik handelt: farbenreich, mit weit ausladenden Melodien und motorisch treibenden Rhythmen. Auch das „Poème élégiaque“ aus der Feder des belgischen Violinvirtuosen Eugène Ysaÿe ist eine leidenschaftliche und packende Komposition, und César Francks Violinsonate, das dritte Stück des Abends, sowieso, sie gehört allerdings im Gegensatz zu den anderen zu den meistgespielten Werken für diese Besetzung.

Alina Ibragimova und Cédric Tiberghien widmeten sich dieser Musik mit großer Intensität und zeigen nach zwölf Jahren gemeinsamer Zeit als Duo ein traumwandlerisch sicheres Zusammenspiel. Ibragimova meistert auch heikle Passagen in höchsten Lagen absolut intonationssicher und traktiert bisweilen die G-Saite mit leidenschaftlicher Vehemenz, verfügt aber auch über viele Farben im Piano. Tiberghien ist da eher der ruhige Pol. Er bringt eine enorme Klangkontrolle mit und liebt die weichen Pianissimo-Töne, doch im motorisch galoppierenden Kopfsatz der Vierne-Sonate agiert er auch mit Schmiss und Paprika. Nur bei der Verleihung des Jahrespreises der Deutschen Schallplatten-kritik für das Duo, die im Rahmen des Konzerts stattfand, gab es einen Fauxpas: Die Laudatorin Eleonore Büning rühmte bei der Preisvergabe nur die musikalischen Qualitäten der Geige­rin Alina Ibragimova und verlor über Cédric Tiberghiens Klavierspiel kein einziges Wort. Da war das Publikum doch recht irritiert.