Kultur

"Es wird uns die Arbeit erleichtern"

Richard Strauss ist einer der meistgespielten Komponisten. Die Urheberschutzrechte an seinen Werken enden 2019. Das hat Auswirkungen auf die Berliner Opern und Orchester

Richard Strauss gehört zu den Giganten im Musikleben. "Salome", "Der Rosenkavalier" oder "Eine Alpensinfonie" erklingen eigentlich immer irgendwo auf der Welt, wie der Komponisten-Enkel Christian Strauss einmal fröhlich äußerte. Er ist der letzte Nutznießer des großen Erbes. In der Silvesternacht des Jahres 2019 wird Strauss gemeinfrei. So heißt das, wenn die Urheberschutzrechte 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten ablaufen.

Richard Strauss selbst galt als ausgesprochen geschäftstüchtig. Gemeinsam mit anderen gründete er 1903 die erste deutsche Verwertungsgesellschaft für musikalische Aufführungsrechte. Bis heute ist der Münchner international der meistgespielte E-Musik-Komponist des 20. Jahrhunderts. Seine sinfonischen Tondichtungen und mindestens die Hälfte seiner 15 Opern gehören zum Kernbestand der Spielpläne. Da lohnt es sich schon zu fragen, was das für Berliner Orchester, Opernhäuser und freie Gruppen bedeutet, wenn es all die wertvollen Werke bald kostenlos gibt.

Strauss gehört zum Repertoire der Opern und Orchester

Die Berliner Philharmoniker sind berühmt für ihre Strauss-Tradition. Das Spitzenorchester ist finanziell gut ausgepolstert. Bei ihnen ist mittels eines Pauschalvertrags ausgehandelt, dass die Strauss-Rechtefrage 0,5 Prozent vom Gesamtaufwand ausmacht. "Wir werden deswegen sicher nicht plötzlich mehr Werke von Richard Strauss programmieren, aber es wird auch uns die Arbeit erleichtern", meint Annette Mangold, die Leiterin der künstlerischen Planung.

In der Deutschen Oper gehört Strauss zu den Eckpfeilern des Repertoires. Der Dramaturg Curt A. ­Roesler arbeitet nebenbei als Bibliotheksbeauftragter. In dieser Funktion ist er dafür zuständig, mit den Verlagen über die Urheberrechtsfragen zu verhandeln. "Wenn Richard Strauss gemeinfrei wird, dann ist das insofern ein wirtschaftlicher Faktor, als die Gesamtkosten der Theater für Autorenrechte deutlich reduziert werden", meint er. Im Opernbereich vertreten die Notenverlage normalerweise die Komponisten und Li­brettisten bzw. ihre Erben. Die Tantiemen werden aufgeteilt. Wenn eine Neuinszenierung von einer Strauss-Oper ansteht, wendet sich Roes­ler an Schott Music. Das Opernhaus muss neben den Leihgebühren für die Noten auch die Tantiemen an den Verlag bezahlen. Das sind an der Deutschen Oper verhandelbare 3,37 Euro pro verkauftem Platz, mindestens 13 Prozent, höchstens 17 Prozent von den Roheinnahmen. Bei 2000 Sitzplätzen fällt das schon ins Gewicht, und Verhandlungsgeschick ist immer gefragt. "Ich glaube trotzdem nicht, dass es bedeutende Auswirkungen auf die Opernspielpläne haben wird, wenn die Schutzfrist für Strauss abläuft", erklärt Curt A. Roesler und erinnert an ein prominentes Vorbild.

Richard Wagners Rechte endeten am 31. Dezember 1913. Damals galt noch eine Frist von 30 Jahren. "Als das Deutsche Opernhaus 1912 von einer Aktiengesellschaft gegründet wurde, hob sie durchaus darauf ab, dass der Opernbetrieb von 1914 an das große Geschäft mit Wagner machen könnte, weil man dann keine Tantiemen mehr bezahlen müsste", erzählt der Dramaturg. Wenn man global die Statistik für Wagner-Aufführungen ansieht, fällt allerdings auf, dass nach 1913 keineswegs mehr Wagner gespielt wurde, sondern immer weniger. Neue, attraktivere Komponisten wie Puccini überstrahlten Wagners sinkenden Stern.

Warten, dass Komponisten rechtefrei werden

Der Kostenfaktor ist aber längst nicht alles. Verlage und Erben wachen oft sehr genau darüber, dass die Inszenierung ihren Erwartungen entspricht. Den Text oder die Musik zu verändern, ist kaum möglich, solange ein Werk geschützt ist. Viele Opernhäuser waren erleichtert, als 2016 die Urheberschutzrechte für Béla Bartók ausliefen. "Auf Betreiben der amerikanischen Erben mussten die Verlage in den Verträgen darauf bestehen, dass die Bühnenanweisungen des Komponisten als integraler Bestandteil des Werkes auszuführen seien", berichtet Roesler. "Eine sinnvolle Aufführung von 'Herzog Blaubarts Burg' war so nicht möglich."

Vor einer "Mahagonny"-Neuproduktion hat er erlebt, dass ein Vertreter der Weill Foundation aus New York anreiste, sich eine Probe ansah und dann befand: "Das und dies und jenes muss weg!" Bei Strauss gab es Reibereien, als die Erben in den 60er-Jahren versuchten, jede etwas ungewöhnlichere Inszenierung von "Salome" zu verhindern.

Kirstin Hasselmann, die Leiterin der Hauptstadtoper, hätte vor ein paar Jahren gern "Ariadne auf Naxos" von Strauss gespielt, doch der Verlag verbot die Aufführung. "Unser Ensemble war dem Verlag zu klein und zu unbekannt. Sie hatten Zweifel, ob wir das Werk dem Standard gemäß aufführen können, denn wir hätten das große Orchester auf zwei bis vier Musiker reduziert", erzählt sie. Hasselmann ist die Gründerin und Leiterin der Hauptstadtoper in Friedrichshain, die große Opern wie "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni" und sogar Wagner mit möglichst geringem Aufwand auf die Bühne bringt.

Anders als die Philharmoniker und die Deutsche Oper bekommt das kleine Ensemble keine staatlichen Subventionen. Gerade ist Kirstin Hasselmann auf der Suche nach Sponsoren für ihr nächstes Projekt, Lortzings "Opernprobe". "Jede Produktion darf nur 3000 bis 4000 Euro kosten. Wenn wir Rechte für die Vorstellungen zahlen müssten, lägen wir schnell mehr als 100 Prozent darüber", verrät die künstlerische Leiterin. Manchmal hat sie Glück. Der Verlag von Franz Lehár mochte das Konzept der Hauptstadtoper und schickte keine Rechnung. Sie hat aber auch schon öfter darauf gewartet, dass Komponisten rechtefrei werden, bei Gershwin und Lincke etwa. 2020 kann sie dann endlich auch "Ariadne auf Naxos" spielen.

Freie Ensembles, die Bearbeitungen aufführen und aufs Geld achten, freuen sich auf den gemeinfreien Strauss. Das Orchester Berliner Musikfreunde, Berlins ältestes Amateurorchester, finanziert sich durch Eintrittskarten und Mitgliedsbeiträge. "Wir haben Gema-pflichtige Stücke schon öfter aus Kostengründen nicht aufs Programm gesetzt", verrät Sebastian Zwiener, der seit 18 Jahren Geige im Orchester spielt. Der Preis für eine Sinfonie richtet sich nach vielen Faktoren wie Saalgröße und Eintrittspreisen. Das Orchester Berliner Musikfreunde gibt als Richtwert 1000 Euro für eine Aufführung in der Philharmonie an. Gerade haben die Musiker die zweite Sinfonie von Sergej Rachmaninow aufgeführt, der seit 2014 gratis ist. "Wir planen jetzt für den Herbst 2018 und würden gern 'Vier letzte Lieder' von Richard Strauss spielen. Da stellt sich schon die Frage, ob wir nicht doch noch ein gutes Jahr länger warten."

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