Kultur

Ein Abend wie eine Wundertüte

Hauschka verzaubert die Volksbühne mit einem Mix aus Klassik, Pop und Jazz

Inspiriert von Künstlerinnen wie Tori Amos oder Marissa Nadler, eröffnet Ava Bonam die erste Hälfte des Abends in der Volksbühne und schafft so die optimale emotionale Grundlage für Hauschka und das Alma Quartet. Mit ihren schaurig-schönen Eigenkompositionen, die von sphärischem Gesang und verdichteten Pianoklängen geprägt sind, bewegt sie das Publikum und öffnet die Welt zu einer Mischung aus Klassik, Jazz und Pop-Elementen. Damit sind keinesfalls Crossover-Interpretationen gemeint, sondern vielmehr für sich stehende Kompositionen, die sich frei machen von Regeln und einzelne Elemente unterschiedlicher Stile adaptieren.

Hervorragendes Wechselspiel zwischen Klavier und Geigen

Mit zwei Sätzen aus Erwin Schulhoffs Erstem Streichquartett von 1924 leitet das holländische Alma Quartet den zweiten Teil des Abends ein. Dabei brillieren sie mit einer dynamischen Raffinesse, die einem mal wie eine Windböe ins Gesicht bläst, um sich dann wieder, unbemerkt und unerwartet in eine melancholische Ruhe zurückzuziehen.

Dem Alma Quartet, das sich aus ­experimentierfreudigen Musikern der beiden Spitzenorchester Amsterdams rekrutiert, nämlich dem Royal Concertgebouw und dem Netherlands Philharmonic Orchestra, ist Hauschka, der im Mittelpunkt dieses Abends steht, zum ersten Mal im Techno-Club Trouw in Amsterdam begegnet. Ein klassisches Streichquartett in einem Techno-Club, eine Haltung, die dem klassisch ausgebildeten Pianisten Hauschka nahesteht. So entstand spontan das Bedürfnis nach Zusammenarbeit.

Bei der Eigenkomposition Hauschkas, „Eltern“, scheinen Klavier und Streicher miteinander zu verschmelzen. Sie ergänzen einander, setzen sich wie ein Puzzle zusammen. Dabei drängt sich der Komponist keinesfalls in den Vordergrund, im Gegenteil, er besticht durch minimalistische Linienführung des Klaviers, das Thema spielen die erste und zweite Violine einander zu. Für beide Streicher ist Berlin kein unbekanntes Terrain. Marc Daniel van Biemen, den die „New York Times“ als dynamischen, brillanten und virtuosen Violinist beschrieben hat, hat bereits gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern gespielt – wie auch der zweite Violinist Benjamin Peled – , nachdem er die Orchesterakademie abgeschlossen hat.

Erst bei den Solostücken für das Klavier aus Hauschkas alias Volker Bertelmanns gerade erst erschienenem Album „What if“ wird dessen Raffinesse ganz deutlich. „Dieser Abend soll wie eine Wundertüte sein“, sagt der 51-Jährige und verspricht damit nicht zu viel. Mal trägt einen das Klavier in einen Schwebezustand, um dann ganz plötzlich von einem Beat unterbrochen zu werden. Hauschka am Klavier, das ist ein Phänomen. Immer wieder fragt man sich, wie er die Klänge eines Drumsets, das Rauschen der Wellen, überhaupt einzelne, klirrende Töne herstellt. Zwar ist er bekannt dafür, mit Holz, Filz, Alufolie, Tischtennisbällen und Gaffa-Tape dem Flügel neue Klänge zu verleihen, doch wie genau er das macht, bleibt rätselhaft. Bei ihm wirkt der Flügel eher wie ein Synthesizer. Zu gerne würde man in das Innere des Tasteninstruments schauen, um zu sehen, was genau er dort drapiert hat.

Angenehm bescheiden und herzlich erzählt Hauschka davon, wie er sich mit einem nicht erschienenen Film von Federico Fellinis, „Die Reise des Giuseppe Mastorna“, auseinandergesetzt und daraufhin ein Cellokonzert mit sieben Sätzen komponiert hat. „Sie können gerne auch nach dem Konzert zu mir kommen. Ich habe kein Hotel gebucht, für mich gehört der Austausch danach zum Konzert dazu“, sagt er.

Zum Ende des Konzerts bringt Hauschka seinem Instrument dem Ursprungsklang immer näher. Mal holt er Ketten und Rasseln, dann CDs und Dose, Klebeband und Noten aus dem Flügel und lässt sie neben sich auf den Boden fallen. Ein würdiger Neujahrsbeginn in der Volksbühne.

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