Kino

Wenn die Natur zurück schlägt: der Öko-Krimi "Die Spur"

Agnieszka Holland, eine der ganz Großen des europäischen Kinos, überrascht mit einem Krimi voller Anspielungen auf das aktuelle Polen.

Janina (Agnieszka Mandat, M.) sucht Mitstreiter für die gute Sache

Janina (Agnieszka Mandat, M.) sucht Mitstreiter für die gute Sache

Foto: - / dpa

Man nennt es Idylle: Grüne Wiesen, auf denen der Morgentau glänzt, verschneite Hänge, an deren Horizont ein Hirschgeweih aufblitzt, verstreute Häuschen, aus deren Schornsteine die warme Luft entweicht. Hierher, in die gebirgige Südwestecke Polens, hat sich in Agnieszka Hollands Verfilmung eines Romans von Olga Tokarczuk die ehemalige Ingenieurin Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) für ihren Ruhestand zurückgezogen. Mit ungefärbten Haaren, betont praktischer Kleidung und zwei Hunden geht die ältere Frau ihrem Alltag nach.

Man meint ihr anzusehen, dass sie es längst aufgegeben hat, sich darum zu scheren, was andere von ihr halten. Der Preis dieser Unabhängigkeit ist allerdings, dass ihre Umgebung auch nur wenig darauf gibt, was sie zu sagen hat. Ihre Proteste gegen Wilderer in der Gegend verhallen ungehört. Dann verschwinden ihre Hunde, und Duszejko hat allen Grund zu glauben, dass sie ermordet wurden. Doch niemand will sich mit ihrem Verdacht befassen, denn gleichzeitig kommt es zu einer Serie mysteriöser Todesfälle. Die Opfer sind allesamt Jäger, wie sich bald herausstellt.

Das störende Element in der Gesellschaft

Den üblichen Kontrast von provinzieller Idylle und rätselhaftem Verbrechen, der so vielen Krimis ihren Reiz verleiht, kehrt der Film mit seiner Heldin gleichsam gegen den Strich. Duszejko, von Agnieszka Mandat-Grabka mit irritierendem und gleichzeitig faszinierendem Eigensinn gespielt, erscheint zwar wie das Klischee der naturverbundenen Frau, die keiner Fliege etwas zu leide tun will.

Aber in Wahrheit ist sie das störende Element in einer Gemeinschaft, die ihre traditionellen Praktiken für völlig "natürlich" hält. Der Polizei, bei der sie vorstellig wird, geht sie tüchtig auf die Nerven. Der Priester rollt ebenfalls die Augen über ihre Interpretation des christlichen Umgangs mit Tieren. Einzig die Grundschüler, denen sie aushilfsmäßig Englisch-Lektionen erteilt, wissen ihre Kenntnisse zu schätzen. Die Zeit vergeht indes im Takt des monatlich wechselnden Jagdkalenders.

Tierqüäler und groteske Mordfälle

Einmal mehr dient die Krimihandlung hier als Verfahren, um das Getriebe einer korrupten Gesellschaft bloß zu legen: Immer grotesker werden die Mordfälle, während die Täterspuren mehr und mehr darauf hinweisen, dass sich die Natur selbst gegen das sadistisch-patriarchale Regime der Tierquäler, Jäger und Geschäftsmänner erhebt.

Unterdessen sammelt Duszejko eine bunte Schar von Außen­seitern um sich, wobei der Film es dem Zuschauer nicht unbedingt leicht macht, die Sympathien ganz auf sie und ihre Mitstreiter zu verlagern. Gerade diese Zwiespältigkeit lässt "Die Spur" als gelungene Parabel auf die aktuellen Ereignisse in Polen erscheinen, in denen Tradition zum Kampfbegriff geworden ist, schließlich ist nicht jede Tra­dition gutzuheißen, nur weil sie Ewigkeiten gepflegt wird.

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