Film

Eine Hymne auf Toleranz und Miteinander: „Greatest Showman“

„Greatest Showman“ mit Hugh Jackman ist ein mitreißendes Musical mit großartigen Nummern. Und einer klaren politischen Botschaft.

Sowas wie der Urvater des Showbiz: P. T. Barnum (Hugh Grant) inmitten seiner Schar von Andersartigen

Sowas wie der Urvater des Showbiz: P. T. Barnum (Hugh Grant) inmitten seiner Schar von Andersartigen

Foto: 20th Century Fox

Wow, was für ein Auftakt! Das neue Jahr hat gerade erst begonnen, da startet mit „Greatest Showman“ ein Film, der schon jetzt zu einem der schönsten des Jahres gezählt werden darf. Ein hinreißendes, mitreißendes Musical. Und noch dazu eins der wenigen Original-Musicals seit Dekaden – also eins, das nicht auf einem bereits erfolgreichen Bühnenmusical basiert, sondern eigens für den Film geschrieben und komponiert wurde.

Moment mal, mögen Sie einwenden, gab es da nicht erst vor einem Jahr den preisgekrönten „La La Land”? Schon recht. Und der dürfte dem Filmmusical, das es von allen Kinogenres von jeher am schwersten hat, neuen Auftrieb beschert haben. Aber mal ehrlich: In „La La Land” wurden immer nur dieselben zwei Melodien endlos wiederholt. Und die Darsteller konnten weder tanzen noch singen.

Durch Trump veränderte sich der Ton des Films

In „Greatest Showman” dagegen singen Hugh Jackman, Zac Efron und das ganze Ensemble selbst. Sie tanzen dazu in packenden Choreographien. Und die Komponisten Benji Pasek und Justin Paul haben dazu veritable Hits geschrieben, deren Rhythmus ins Blut geht und deren Melodien man noch mitsummt, lange nachdem man aus dem Kino gegangen ist.

Was beide Filme aber doch gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie sich mit dem Showbusiness im weitesten Sinn beschäftigen. „La La Land” spielte im heutigen Los Angeles und handelte von den Träumen einer Schauspielerin und einem Musiker. „Greatest Showman“ spielt im New York der 1840-er Jahre und handelt von der historischen Figur P.T. Barnum. Einem, nun ja, Schwindler und Betrüger, aber auch einem kühnen Unternehmer, Zirkusdirektor, Erfinder des Startums, der Werbung und des Marketing, kurz: sowas wie der Urvater des Showbiz, wie wir es heute kennen.

Das Debüt des Filmneulings Michael Gracey ist erst mal die klassische, ur-amerikanische Geschichte von einem, der seinen Traum verwirklichen will und es aus ärmsten Verhältnissen bis ganz nach oben bringt. Und es ist ein Hohelied auf die Liebe. Denn Barnum (Hugh Jackman), Sohn eines kleinen Schneiderleins, verliebt sich schon als Kind in die Tochter eines Reichen. Und auch wenn Charity (Michelle Williams) ihn zurück liebt und dabei auf allen sozialen Unterschied pfeift, will er ihr genau das Leben mit dem Luxus bieten, das sie gewohnt war. Es reicht erst mal nur zu einer Bürotätigkeit und einer ärmlichen Behausung. Aber ein einfacher Kameraschwenk von seinem tristen Bürohaus zu einem Friedhof daneben reicht, um zu wissen: Das kann es für diesen Mann nicht gewesen sein.

Er will den Leuten, einfachen Leuten wie er selbst, Unterhaltung bieten. Mietet sich ein Museum mitten in der Stadt und stellt dort allerlei Kuriositäten und Wachsfiguren aus. Der Erfolg lässt sehr auf sich warten. Bis seine Töchter meinen, es gebe da zu viel Totes, es bräuchte etwas Lebendiges. Da fällt der Groschen. Barnum sucht landesweit nach Menschen, die nicht der Norm entsprechen und als Freaks verspottet werden: Zwerge, Riesen, bärtige Frauen, siamesische Zwillinge, Albinos. Und gründet mit ihnen eine Sensationen-Show.

Ursprünglich ging es den Filmemachern vor allem um diese Grundgeschichte: Verwirkliche deinen Traum. Aber dann wurde kurz vor Drehbeginn Donald Trump Präsident. Und obwohl der Film ein gänzlich historischer ist, wirkte sich das aus. Da Trump damit schockte, Minderheiten auszugrenzen und sich sogar über sie lustig zu machen, machte Hollywood mobil und warb für ein anderes, tolerantes, das wahre Amerika. Das wurde nun auch zum eigentlichen Kern dieses Musicals.

Barnum macht seinen “Freaks” Mut, sich nicht zu verstecken, zu sich selbst zu stehen und eine große Familie zu werben. Eine klare Botschaft für eine offenere Gesellschaft, für mehr Diversität. Und auch wenn Barnum seine Schar der Andersartigen erst mal für seine Show benutzt und fast aus den Augen verliert, als er mit einer großen Opernsängerin aus Europa endlich einmal etwas „Echtes” bieten kann, geben die nicht mehr klein bei.

Der großartigste Song des Films ist denn auch “This is Me”, angestimmt von der bärtigen Frau, in die alle „Freaks” mit einstimmen. Ein Song, der das berühmte „I am What I Am“ – ursprünglich auch ein Muscial-Hit aus „Ein Käfig voller Narren“ – ablösen könnte als neue Hymne für alle Andersartigen, Andersdenkenden, Andersfühlenden. Dass Conchita Wurst den Song gerade zur Silvesterparty am Brandenburger Tor gesungen hat, ist da mehr als passend.

„Greatest Showman“ ist in der Tat eine großartige Show. Mit spektakulären Bildern, eingehenden Songs und packenden Choreographien, bei denen auch Laken auf der Wäscheleine oder gar Elefanten in der Manege im Takt mittanzen. Die Computeranimation macht’s möglich, aber das wird ganz unaufdringlich und wie nebenbei gezeigt.

Das Musical verliert sich nicht in Effekten, sondern bleibt immer ganz nah an seinen Figuren, allen voran Zac Efron als Barnums Juniorpartner und vor allem Hugh Jackman, der den Film auch mitproduziert hat und hier seinen ersten spektakulären Auftritt nach seinem selbstgewählten Aus als Comicfigur Wolverine absolviert. Barnums Truppe der Absonderlichkeiten freilich scheint wie eine verlängerte Form der X-Men-Mutanten mit ihren speziellen Kräften. „This is Me“: Das hätte auch die Hymne für die X-Men sein können.

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