Kultur

Musical in der Manege

Der britische Dirigent John Wilson leitet die Konzerte des Deutschen Symphonie-Orchesters zum Jahreswechsel. Ein Treffen im Circus Roncalli

Normalerweise nimmt er zu Silvester den Taktstock nicht in die Hand. Er feiert auch nicht, lässt keine Böller krachen und verpasst das Feuerwerk. John Wilson liegt lieber um 22 Uhr im Bett, ein echter Silvestermuffel. Doch diesmal ist alles anders. Er freut sich endlich auf Silvester, weil er dann das besondere Programm mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem Circus Roncalli leiten kann. „Es gibt für alles ein erstes Mal“, lacht der temperamentvolle Dirigent.

Mit einem Zirkus hat der gefragte britische Dirigent noch nie zusammengearbeitet. Allerdings ist ein Zirkus dafür verantwortlich, dass er mit fünf Jahren seine Liebe zur Musik entdeckte. Im Moskauer Staatszirkus saß er direkt neben der Zirkuskapelle und blickte fasziniert auf die Harfe, das erstaunlichste Ding, das er bis dahin je gesehen hatte. Er verpasste die gesamte Show mit den Artisten und Clowns, weil er nur noch Augen und Ohren für die Kapelle hatte.

Manche Stücke werden gekürzt, andere verlängert

Für sein Berliner Silvesterprogramm hat John Wilson eine lange Liste mit amerikanischer Musik für Bühne, Film und Konzertsaal erstellt. Das Orchester und der Zirkus, die seit 2003 gemeinsam den Jahreswechsel feiern, haben daraus die Stücke ausgewählt, die beide Sphären am besten zusammenführen. Bernsteins „Candide“-Ouvertüre, Musik aus Harry-Potter-Filmen, das Finale aus „Ben Hur“ und die „My Fair Lady“-Ouvertüre gehören dazu.

Musikalische Kabinettstücke treffen auf Clowns und Meisterjongleure. „Bei den Proben müssen wir einige Last-minute-Entscheidungen treffen. Manche Stücke werden wir kürzen, in andere Werke bauen wir Wiederholungen ein, weil sie sonst für die Artistennummern zu lang oder kurz wären.“ John Wilson bringt die Musical-Sängerin Kim Criswell mit, seine Lieblingssängerin für die leichte Musik. „Sie ist so verlässlich, sie macht nie Fehler. Außerdem reicht ihre Stimme vom Bariton bis zum hohen Sopran. Man bekommt drei bis vier Solisten zum Preis von einem“, schwärmt der Dirigent.

Für die Orchestermusiker ist vieles aus dem Silvesterprogramm Neuland. „Wir spielen stark in ihrer Zeit verhaftete Stücke aus den 1930er- bis 50er-Jahren, die in einer speziellen Stilistik interpretiert werden müssen“, erklärt John Wilson, der genau weiß, wovon er spricht. Im Repertoire der amerikanischen Unterhaltungsmusik ist er ein erfahrener Experte. Das John Wilson Orchestra, das er im Jahr 1994 mit 23 Jahren während seiner Studienzeit am Londoner Royal College of Music gegründet hat, hat sich auf die Musik aus alten Filmmusicals spezialisiert.

Sir Simon Rattle ist ein bekennender Fan dieses Orchesters. Der Philharmoniker-Chefdirigent hat das Berlin-Debüt des Ensembles im letzten Jahr beim Musikfest vermittelt. Bei der Zugabe hat er selbst hinter den Pauken gesessen. „Es war eines meiner größten Konzerterlebnisse“, erinnert sich John Wilson. „Auch die Orchestermusiker sprechen noch immer über dieses Ereignis.“ Nun ist er zum zweiten Mal in Deutschland. Im Gespräch ist auch ein zweites Berliner Konzert des John Wilson Orchestra, das seit 2007 regelmäßig zu den Londoner Proms eingeladen wird und Aufnahmen exklusiv für Warner Classics macht.

Filmmusicals hat John Wilson schon als Kind geliebt. Er war zum Beispiel fasziniert von der Hörner-Gegenmelodie im Vorspann von „Singin’ In The Rain“. Irgendwie hört er mit anderen Ohren als andere Menschen. Als Jugendlicher war er schon so tief in die ganze Welt der Musik zwischen Brahms und Irving Berlin verstrickt, dass ihm bewusst wurde, dass er Musiker werden musste. Von einem Amateurtheater­orchester, in dem er damals Klavier spielte, wurde er gebeten, die Rolle des Dirigenten zu übernehmen. „Ich war furchtbar, aber nach der Probe wusste ich sofort, dass es genau das war, was ich wollte“, sagt er.

In letzter Zeit hat er Copland, Elgar, Glasunow und Rachmaninow dirigiert. 2018 wird er zwischen Australien, Hongkong und Skandinavien zahlreiche Programme zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein leiten. Immer wollte er auch leichte Musik spielen. „Karajan sagte: ‚Leichte Musik ist meine Medizin.‘ Für mich sind diese Stücke wie ein Dessert – nicht im Mittelpunkt, aber unverzichtbar“, erklärt der Dirigent. Seine Enttäuschung war groß, als er merkte, dass es zu den Filmmusicals der Hollywood-Ära, die er so liebt, keine Partituren gab. Als die Firma MGM 1969 einen neuen Besitzer bekam, schaffte man die Noten fort, weil Platz für einen Parkplatz gebraucht wurde. Angeblich wurden sie unter einem Golfplatz vergraben. Also transkribierte Wilson die Songs Klang für Klang, Note für Note.

Manchmal hat er einen ganzen Tag an vier Sekunden Musik gesessen. „Aber nur, weil ich musste“, sagt John Wilson. „Ich fand es wichtig, diese wunderbaren, ausgefeilten Orchesterpartituren zum Leben zu erwecken.“ Es ging um Klassiker wie „Singin’ in the Rain“ und „An American in Paris“, aber es war eine Herkulesaufgabe. Inzwischen hat er 243 Filmmusicalnummern aus den Aufnahmen herausgehört und aufgeschrieben. Manchmal dachte er schon, es wäre einfacher, eine Schaufel zu nehmen und Kaliforniens Golfplätze umzugraben.

Tempodrom, Möckernstr. 10, Kreuzberg. Silvester um 15 und 19 Uhr, Neujahr um 18 Uhr. Restkarten an der Abendkasse