Berliner Philharmoniker

Buntes Programm bei Simon Rattles letztem Silvesterkonzert

Zum letzten Mal leitet Sir Simon Rattle das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker. Zu hören gab es ein buntes Programm.

Am 31. Dezember dirigiert Sir Simon Rattle zum letzten Mal das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker (Archiv)

Am 31. Dezember dirigiert Sir Simon Rattle zum letzten Mal das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker (Archiv)

Foto: Kai Bienert / MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Berlin. Solche Konzertprogramme kann nur Sir Simon Rattle: Programme ganz ohne roten Faden, bunt gemischt mit Komponisten und Werken, die weder zusammenpassen noch sich wirklich ergänzen. Programme, bei denen Neugier und Experiment über Tradition und Bequemlichkeit triumphieren.

Auch das letzte Silvesterkonzert der Philharmoniker, das Rattle als Chefdirigent verantwortet, macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme: Da tummeln sich Bernstein und Schostakowitsch, Strawinsky und Richard Strauss, Liedgesang und Musical, Ballettmusik und eingeschobener politischer Kurzkommentar zur Lage im Weißen Haus.

Und all dies ziemlich locker zusammengehalten durch eine Dvořák-Brahms-Klammer, für die Rattle mittlerweile bekannt ist. Denn ähnlich sicher wie am Ende eines jeden Waldbühnenkonzerts Paul Linckes „Berliner Luft“ ertönt, spielen die Philharmoniker zum Jahresende Tänze von Dvořák und Brahms als Rausschmeißer. So viel Tradition muss dann doch sein.

Die Philhamoniker spielen ein kurioses Schostakowitsch-Balett

Diesmal sind es Brahms‘ „Ungarischer Tanz Nr. 1“ und zuvor Dvořáks „Slawischer Tanz“ in e-Moll op. 72 Nr. 2, mit denen Rattle den Bogen zum Anfang des Abends schlägt – zu Dvořáks „Karneval“ op. 92. Und ob man es nun glaubt oder nicht: Diese schmissige, ohrwurmverdächtige Konzertouvertüre stand bei den Philharmonikern zuletzt vor rund 82 Jahren auf den Pulten.

Doch dies ist nicht das einzige Werk, das Rattle an diesem Abend frisch poliert aus den Archiven holt. Schostakowitschs Suite „Das Goldene Zeitalter“ op. 22a, der zweite Eckpfeiler des Abends, gehört nämlich ebenfalls zur Kategorie Repertoireerweiterung: Bislang haben die Philharmoniker diese viersätzige Ballettmusik nur zweimal gespielt, und zwar während der Salzburger Osterfestspiele vor zehn Jahren.

Die Story des Balletts ist kurios: eine sowjetische Fußballmannschaft zu Besuch in einer westlichen Metropole, eine Kulturschock-Parodie, bei der ehrbare Sowjetbürger heftig auf dekadente Kapitalisten stoßen. So wie Rattle hier die ersten beiden langen Sätze angeht, wirkt der Mittzwanziger Schostakowitsch allerdings zunächst wie eine echte Spaßbremse. Ziemlich böse lässt Rattle die Introduktion spuken. Er reizt die Dissonanzen der Partitur so stark aus, dass die Streicher heulen und die Bläser grotesk grimassieren. Keine Frage: Bei Rattle klingt dieser Schostakowitsch mehr nach Schock als nach Parodie, mehr nach späterem Schmerzenssinfoniker als nach jungem Unterhaltungskünstler.

Stargast DiDonato glänzt bei Musical-Hit

Und auch der Liedkomponist Richard Strauss wirkt an diesem Abend ganz anders, was allerdings vor allem an Stargast Joyce DiDonato liegt. Denn die Amerikanerin teilt den behaglichen Wohlklang des Orchesters keinesfalls. Auch liedhafte Intimität und lange Legato-Bögen scheinen ihr fremd. Stattdessen verbreitet DiDonatos enges, schnelles Vibrato permanente Unruhe, ihr Mezzosopran wirkt direkt und schneidig.

Selbst so sanfte Strauss-Lieder wie „Zueignung“ und „Wiegenlied“ klingen plötzlich nach purer Opern-Erregung. Wie angegossen passt dagegen der Musical-Hit „Take Care of This House“ aus Bernsteins „White House Cantata“ zu DiDonatos Stimme – eine vierminütige Ermahnung in Richtung Donald Trump.

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