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Donald Sutherland über die Tücken des Älterwerdens

In „Das Leuchten der Erinnerung“ spielt der Star einen Demenzkranken. Privat erzählt der 82-Jährige, wie er mit dem Altwerden umgeht.

Liebt es, Anekdoten zu erzählen – und seine Gesprächspartner damit zu irritieren: Donald Sutherland

Liebt es, Anekdoten zu erzählen – und seine Gesprächspartner damit zu irritieren: Donald Sutherland

Foto: Chris Pizzello / picture alliance/AP Images

Donald Sutherland ist lebende Filmgeschichte. Seit 1962 steht der gebürtige Kanadier vor der Kamera, hat in über 200 Filmen und Serien mitgewirkt. Von „Das dreckige Dutzend“ über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ bis zu „Die Tribute von Panem“. Sutherland hat Generationen von Kinogängern geprägt. In „Das Leuchten der Erinnerung“, der am Donnerstag ins Kino kommt und schon für einige Oscars gehandelt wird, spielt der 82-jährige einen Demenzkranken, der mit seiner Frau (Helen Mirren) zu einem letzten Roadtrip im Wohnmobil aufbricht. Wir trafen den Schauspieler während des Toronto Filmfestivals. Seine Agentin führt ihn in den Raum und platziert sich diskret im Hintergrun. Während des Gesprächs ist sie diejenige, die bei seinen Anekdoten am meisten lacht, hin und wieder Daten und Orte gerade rückt und ihn darauf hinweist, wenn er zu sehr mit seinen Gedanken abdriftet.

Mister Sutherland, wie war es, mit Frau Mirren zusammenzuarbeiten?

Sie meinen Dame Helen Mirren! So viel Zeit muss sein. Ein absoluter Traum. Wir haben schon einmal zusammengearbeitet, vor 35, 40 Jahren. Sie ist brillant. Damals wie heute.

In „Das Leuchten der Erinnerung“ spielen Sie einen Demenzrkanken und Helen Mirren Ihre an Krebs erkrankte Frau. Bei all der Schwere des Themas wirkt der Film doch so, als hätten Sie beide viel Spaß bei den Dreharbeiten gehabt.

Oh ja, wir haben das Filmteam mehr als einmal in den Wahnsinn getrieben. Wir drehten eine Szene, in der wir einfach im Wohnmobil an der Kamera vorbei in den Sonnenuntergang fahren sollten. Ich habe mich zu Helen gedreht, ihr tief in die Augen geguckt und zugeflüstert: „Wenn wir wollen, können wir einfach weiterfahren“. Sie sagte: „Gib Gas!“. Ich habe das Pedal durchgedrückt. Sie können sich nicht vorstellen, was auf einmal für ein Chaos im Funkverkehr der Crew war.

Hatten Sie schon einmal das Bedürfnis, auszubrechen, alles hinter sich zu lassen?

Ja.

Warum haben Sie es nicht gemacht?

Mein Agent hat mich davon abgehalten. Es hätte sehr teuer für mich werden können. .

Was für eine Situation war das?

Es war 1981. Ich sollte eigentlich „Die Nadel“ in Schottland drehen, war aber noch mit meinem Segelboot irgendwo im Mittelmeer und steckte 24 Stunden in einem Hurrikan fest. Eines unserer Segel war gerissen, wir waren aufgeschmissen. Wir hatten noch zwei Leute dabei. Aber diekotzten sich unter Deck die Seele aus dem Leib und schrien nach ihrer Mutti. Als der Sturm vorbei war und wir überlebt hatten, wollte ich gleich wieder los und die ganze Welt umsegeln. Ich habe meinen Agenten regelrecht angefleht, mich aus dem Projekt rauszuholen, aber er hat Nein gesagt. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Film zu machen.

Haben Sie es bereut?

Nein. Drei Monate später lief ich über das Rollfeld des Glasgower Flughafen zu meiner Maschine. Es war absoluter Nebel, typisch Schottland eben. Aus dieser undurchsichtigen Suppe kam auf einmal wie aus dem Nichts eine knapp 20-jährige Flugbegleiterin, blieb entgeistert vor mir stehen und fragte mit großen Augen: „Sie sind Donald Sutherland, nicht wahr? Sie sind nicht annährend so hässlich wie im Fernsehen.“ Das ist die Story meines Lebens!

„Das Leuchten der Erinnerung“ ist ein sehr bewegender Film, kaum ein Auge bleibt trocken. Kann man sich auf eine Rolle wie diese überhaupt vorbereiten?

Ich musste recht schnell umdenken. Anfangs dachte ich, dass ich Leute mit Alzheimer und Gedächtnisverlust studieren werde. Mein Steuerberater hatte Alzheimer, meine Mutter hatte Demenz. Ich habe aber bald verstanden, dass das der falsche Zugang ist. Das wäre zu einer Karikatur verkommen.

Was haben Sie stattdessen gemacht?

Ich bin zu einer Organisation, die Betreuer vermittelt. Die haben zur Berufsvorbereitung Trainingsvideos, die zeigen, was passiert, wenn man dement wird und wie man damit umgeht. Die habe ich mir alle angeguckt. Keine Ahnung, wie es funktioniert hat, aber das hat mir immensen Druck genommen. Die unpassendste Reaktion auf Alzheimer ist es, sauer zu werden. Meine Frau im Film wird ständig sauer. Das bringt nichts. Das ist, wie wenn man jemanden ausschimpft, nur weil er eingepinkelt hat. Das passiert manchmal halt. Deshalb habe ich immer einen „Travel John“ dabei. Kennen Sie dieses Ding?

Nein.

Das ist eine kleine Tüte mit einer Öffnung. Man pinkelt da rein und die Kristalle auf dem Boden machen aus der Flüssigkeit ein Gel. Wenn es voll ist, schmeißt man es einfach weg.

Sie haben das immer dabei?

Ja, ich bin alt, manchmal muss ich halt. Sie glauben gar nicht, wie oft mich das Ding schon vor peinlichen Situationen bewahrt hat. Neulich waren wir in der Oper und haben „Othello“ gesehen. Irgendwann musste ich. Aber statt dass die halbe Reihe aufstehen muss, weil ein alter Sack wie ich seine Blase nicht unter Kontrolle hat, habe ich mir den Seidenschal meiner Frau geschnappt,, in den Schoß gelegt und den Travel John rausgeholt. Ich war der glücklichste Mann der Welt. Meine Frau war allerdings richtig angepisst. Metaphorisch gesprochen.

Hatten Sie je Probleme damit, älter zu werden?

Gucken Sie mich an! Das ist leider ein natürlicher Prozess, der unaufhaltbar ist. Alt werden ist nicht schön.

Sie hatten nie so etwas wie Sehnsucht nach ewiger Jugend verspürt?

Nein. Das beste Alter ist immer das, das ich gerade habe. Ich weiß natürlich nicht mehr, wie es sich anfühlt zwei Jahre alt zu sein. Aber wenn ich mir meinen Enkelsohn angucke, er ist jetzt anderthalb Jahre, kann es nur unglaublich sein. Allein sein Talent der Problemlösung. Und selbst in dem Alter lässt er sich nicht verarschen. Da kann ich nur neidisch werden.