Kultur

Radikaler Bruch mit traditionellen Konzepten

Zum 90.: Kolbe Museum ehrt Emil Cimiotti mit Retrospektive

„Meine neuen Plastiken sind scheinbar voluminös. Wenn Du aber die Risse, die Schnitte und die Löcher betrachtest, merkst Du, dass sie bloße Haut sind. Es zeigt, was uns die Wirklichkeit geworden ist: die bloße Haut der Erscheinungen, In-Frage-Gestellt-sein der Realität, Gleichzeitigkeit von Existenz und Nicht-Sein.“ So schrieb der 1927 in Göttingen geborene Bildhauer in den 60er-Jahren an den Kunstkritiker Franz Roh. Tatsächlich waren die Bronzeplastiken von Emil Cimiotti, die seit den 50er-Jahren entstanden, revolutionär. Radikal brach Cimiotti mit traditionellen Konzepten – und das aus gutem Grund. Noch zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er an die Front geschickt und geriet in Kriegsgefangenschaft, für ihn ein traumatisches Erlebnis. Danach konnte es in seinen Augen nur noch einen radikalen Neuanfang in der Kunst geben.

Das Figürliche war ideologisch behaftet, geschlossene Oberflächen konnte sich Cimiotti zur Darstellung einer porös gewordenen Wirklichkeit nicht vorstellen. Also verschrieb er sich der Abstraktion, schuf filigrane Skulpturen von großer Zerbrechlichkeit. Er modulierte Flächen, ließ Glieder daraus wachsen, gestaltete löchrige Korpusse. „Figurengruppe“ heißen solch frühe Plastiken oder „Der Berg und seine Wolken“, wobei die Titel Figurales nur suggerieren. Diese Plastiken, die eng mit dem deutschen Informel in Verbindung stehen, sind Teil einer bemerkenswerten Retro­spektive zum Werk von Emil Cimiotti im Georg Kolbe Museum zu dessen 90. Geburtstag. Plastiken, zahlreiche Zeichnungen und erst jüngst in seinem Hedwigsburger Atelier entstandene Papierreliefs sind zu bestaunen und zeigen ein über sechs Jahrzehnte währendes Schaffen mit erstaunlich vielen Facetten.

Auf das rein Ungegenständliche wollte sich der Pionier der Nachkriegsskulptur nicht dauerhaft beschränken lassen, lieber inszenierte er ein subtiles Spiel auf der Schwelle zwischen Figuration und Abstraktion. Sein Leben lang arbeitete Cimiotti an einer besonderen Form des Bronzegusses, die auf Wachsmodellen beruht. Mit Schamott ummantelt, wurden sie in den Ofen geschoben, in die Hohlräume wurde dann die Bronze gegossen. All seine Plastiken werden so zu Unikaten. Cimiotti ist nicht nur ein begnadeter Bildhauer, sondern auch ein genialer Zeichner. Als sein bildhauerisches Schaffen aus Altersgründen mit der Plastik „Atmen“ 2014 endet, widmet er sich Arbeiten aus Papier. Trotz seines Alters ließ es sich der Künstler nicht nehmen, die Schau selbst mit aufzubauen. Viele der Leihgaben aus Museen in ganz Deutschland waren lange aus seinem Blickfeld verschwunden: ein freudiges Wiedersehen.

Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg. Tägl. 10–18 Uhr. Bis 28.1.

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