Kultur

Pierre Boulez Saal: Prominentes Duo sorgt für Spannung

Hand in Hand: Martha Argerich und Daniel Barenboim

In ihrer Musikerpersönlichkeit sind sie so unterschiedlich, dass beim Hand-in-Hand-Auftritt von Daniel Barenboim und Martha Argerich im Pierre Boulez Saal mit so manchen im Publikum die Fantasie durchgehen dürfte. Gibt es bei diesem Klavierduo einen Chef? Auf den ersten Blick ist es der stets dominante Generalmusikdirektor, der auch prompt den wichtigen Prim-Klavierpart in Franz Liszts später Sammlung „Weihnachtsbaum“ aus den Jahren 1874 bis 1881 übernimmt. Doch Argerich ist es, die Listzs sparsames Arrangement des Praetorius-Weihnachtsliedes „Psallite“ beginnt: rezitativisch und frei in Tenorlage, Barenboim steuert nur die Farbe bei. Gewiss, später, bei den „Abendglocken“, wird der Großpianist und -dirigent wieder in seine Unart verfallen, eine gleichberechtigte musikalische Partnerin dirigieren zu wollen – mit der Hand, die gerade nicht spielt.

Doch irgendwie ist es auch egal. Denn im Ausdruck wirkt weder das Werk noch die Interpretation aufgesetzt oder prätentiös. Bewundernswert geschlossen und klangsinnlich gelingen bekannte Melodien wie „In dulci jubilo“ und „Adeste fideles“, das auch als „Herbei, o ihr Gläubigen“ bekannt ist.

Ein ungleiches Duo zweier sehr eigener Klaviersolitäre bleibt dies, doch das dürfte den Reiz gegenüber den stehenden Klavierduos der Musikszene ausmachen. Während Barenboim, so durchgeformt seine Technik von Haus aus ist, durch sein kapellmeisterliches Wichtige-Stellen-zeigen-Wollen manchmal die Rundung und auch die Kontrolle des Tons ein wenig fahren lässt, klingt Argerich auf eine unbeirrte Weise kultiviert. Für Maurice Ravels fünf Kinderstücke „Ma mère l’Oye“ („Mutter Gans“) und ihre Zartheit ist das unbedingt nötig. Tatsächlich gelingt den Künstlern im „Zwiegespräch zwischen der Schönen und dem Biest“ am Ende ein vollendetes, fast unhörbares Pianissimo (Chapeau an des Maestros neuen Flügel), aber man hätte sich bei diesem Ravel von so leiser Indirektheit – bei noch mehr Koordination des vierhändigen Anschlages – noch einiges mehr gewünscht.

Das tut dem Gesamterlebnis keinen Abbruch. Martha Argerichs musikalischer Witz ist beglückend fein, und er bleibt, während Barenboim auch mal mit dem Publikum Komödie spielt, bei und in der Musik. Das ist der Fall in den genialen „Jeux d’enfants“ (Kinderspiele), einem vierhändigen Spätwerk des „Carmen“-Schöpfers Georges Bizet. Bei der anfänglichen „Schaukel“ vermag Argerichs Ton betörend zu singen – aber insgesamt ist dies das Stück, bei dem die gute musikalische Gemeinschaft der beiden am schlagendsten zum Ausdruck kommt. Es ist aber auch einfach sehr gute Musik. Bizet scheint mit der ungeheuren kompositorischen Erfahrung seiner späten Jahre hier die antipsychologische Zirkusmusik eines Strawinsky vorwegzunehmen. Völlig verliebt in die Gegenstände und zugleich schlafwandlerisch sein musikalisches Handwerk ausübend bringt Bizet Kreisel, Puppe, Seifenblasen und vieles mehr zum Klingen. Es würde sich lohnen, diese viel zu unbekannten zwölf Meisterstücke mit diesem prominenten Duo einmal auf CD zu bannen.