Kultur

Eine Welt aus Gewalt und Vorurteil

„schlammland gewalt“ von Ferdinand Schmalz feiert Premiere in der Box des Deutschen Theaters

Schlamm wälzt sich hinunter ins Tal, Richtung Dorf, eine gewaltige Gerölllawine. Eine Ur- und Naturgewalt, gegen die die Menschen hilflos sind, winzig wirken, in ihrem Wollen, Wirken, Wünschen. Vermutlich in Österreich, wo die Welt aus Gewalt und Vorurteil noch in Ordnung ist. Wo auf dem Fest ein brutaler Vater mit der Faust darüber wacht, dass sein Sohn sich an die Regeln hält. Und wo der Hendl-Brater mit der Verwaltersfrau fremdgeht, was dem Verwalter natürlich so gar nicht passt.

"schlammland gewalt" heißt treffend Ferdinand Schmalz' Stück, das jetzt in der Box des Deutschen Theaters Premiere hatte. Wobei Stück etwas übertrieben ist: Der Text ist ein Monolog, keine zwölf Seiten lang, ein dichtes Sprachkunstwerk, in dem die Wörter und Knochen knacken. Gewalt, Gesellschaft, Sprachmacht – das ist typisch für den Österreicher Schmalz, dessen Werke selten ohne Tote auskommen. Seit diesem Sommer ist er Bachmann-Preisträger und überhaupt schon ziemlich dekoriert für seine 32 Jahre. Am Deutschen Theater gehört er längst zu den Lieblingsautoren. Bislang allerdings nur in der Box, jener winzigen Experimentalbühne mit Freie-Szene-Charme, auf der oft die spannendsten Abende des Hauses laufen.

Besonderen Off-Charme verströmt die Low-Budget-Bühne, die Ausstatterin Mira König gebaut hat: eine quadratische Fläche, bedeckt mit weißer Plastik- und Frischhaltefolie, aus der sich die drei Schauspieler schälen wie Mumien. So sehen sie auch aus, in ihren fleischfarbenen Trikots, den fahl geschminkten Gesichtern. Lebende Leichname, die wie aus dem Jenseits raunen. Mit ihnen hat Josua Rösing, Regieassistent am DT, eine Sprechoper inszeniert. Szenisch passiert wenig, ein paar Gänge, wenige Berührungen, Blicke. Was im Text verhandelt wird – das Dorffest, Konflikte, klatschendes Fleisch in Lust und Leid – bleibt Sprache, die bei Thorsten Hierse besonders plastisch wirkt, während Olga Wäscher eine Weile braucht, um sich in ihren ironischen Sound zu finden und Caner Sunar gelegentlich die falschen Töne trifft.

Überhaupt wirkt der kurze, nur einstündige Abend zunächst blutleer, eine Kunstanstrengung, die Zeit braucht, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Für die sorgt Sebastian Deufel am Schlagzeug, und als die Schauspieler sich auf seinen Rhythmus einlassen, wird der Abend plötzlich dicht, zwingend – bis hin zur genial-überraschenden Schlusspointe.

Box im Deutschen Theater, Mitte,
Schumannstraße 13a, Tel. 030 - 284 41-221.
Wieder am 7. und 24. Januar.

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