Kultur

Volksbühne wird zum sympathischen Theatermuseum

Jérôme Bels „The show must go on“ hat dort einen Platz verdient

Als „I like to move it move it“ aus den Boxen dröhnt, fangen die 24 Tänzer auf der Bühne zum ersten Mal so richtig zu zappeln an, werfen alle Glieder von sich, reißen sich die Kleider vom Leib, lassen die Hüften kreisen. Ein herrliches Wimmelbild, das trotz manch ungelenker Geste niemanden ausstellt.

Es bleibt die erschöpfendste Nummer in „The show must go on“ von Jérôme Bel, jener legendären Choreografie, die seit 17 Jahren um die Welt tourt, in immer neuen Besetzungen aufgeführt wird und nun im Repertoire der Volksbühne gelandet ist. Auf der Bühne stehen Menschen, die mit dem Haus verbunden sind: Mitarbeiter von Maske, Kasse, Abenddienst, aber auch Tänzer und Freunde – eine ziemlich sympathische Geste.

Wie der gesamte Abend ein ziemlich sympathischer ist: Vor der Rampe schiebt ein Darsteller CD um CD in die Anlage und regelt das Licht. Auf der Bühne passiert manchmal wenig, oft nichts. Stattdessen hört man die Pop-Klassiker neu – und begreift die mal banale, mal überraschende Dramaturgie, die hinter der Auswahl steckt. Mit „Tonight“ aus dem Bernstein-Musical „West Side Story“ beginnt der Abend, bei „Let the Sunshine in“ geht das Licht an, bei „Come Together“ der Beatles füllt sich die Bühne mit den Tänzern, bei „Ballerina Girl“ werfen sich die Frauen in Ballettposen. So geht das 90 Minuten. Eigentlich eine gute Gelegenheit, sich auf die Langsamkeit des Abends, seinen menschenfreundlichen Witz, die manchmal gar nicht so doofen Songtexte einzulassen. Stattdessen quatschen viele im Premierenpublikum, checken ihre Smartphones, sobald auf der Bühne nur Musik und Licht regieren. Eine schöne Idee, „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel immer wieder abzudrehen, um den Klang der Stille tatsächlich hörbar zu machen. Nur halten das in der Volksbühne wenige aus, reden weiter, singen mit.

Dennoch funktioniert der Abend, auch wenn man ihm deutlich sein Alter anmerkt, wegen der 90er-Kracher wie „Margarita“ und „My heart will go on“. Bels Choreografie ist keine Berlin-Premiere, lief schon 2001 bei Tanz im August und 2008 am HAU. Chris Dercons Volksbühne will ja auch ein bisschen ein Theatermuseum sein. Da hat „The show must go on“ tatsächlich einen prominenten Platz verdient.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz. Termine: 30., 31. Dezember, 17., 25. Januar

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