Kultur

„Die Zeit ist wieder reif für uns“

Einst war er der Jüngste, jetzt ist er der Chef der Truppe: Angelo Kelly über das Comeback der Kelly Family

Es läuft bei den Kellys. Zwei Jahrzehnte nach den großen Triumphen der polarisierenden irisch-amerikanischen Sippe („An Angel“) ist die nun auf sechs Geschwister im Alter zwischen 35 und 54 geschrumpfte Familienband (Maite und Paddy Kelly wollten sich lieber auf ihre Solokarrieren konzentrieren und ärgern sich möglicherweise jetzt etwas) wieder allgegenwärtig. Platin für das Comeback-Album „We Got Love“, das nun auch um eine Live-CD/DVD erweitert wurde, ein RTL-TV-Special zur besten Sendezeit und eine große Tournee ab Januar. Auch in Berlin sind zwei Konzerte geplant. Wir sprachen mit Angelo Kelly (35), früher der Kleinste, heute der Chef der Truppe.

Angelo, hat das Comeback der Kelly Family Ihre Erwartungen übertroffen?

Angelo Kelly:Dass unser Album auf Platz eins einsteigt, war – ohne falsche Bescheidenheit – ganz klar mein Ziel. Aber dass wir mittlerweile 50 Konzerte für nächstes Jahr auf dem Programm haben, das ist schon weitaus mehr, als ich mir erhofft hatte. Wir haben allerdings auch sehr hart daran gearbeitet, die Band wieder nach vorne zu bringen.

Sie hatten im November 2016 in einer Talkshow verkündet, dass Sie als Kelly Family ein Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle spielen würden …

… und nach 18 Minuten war die erste Show ausverkauft. Da waren wir alle ziemlich baff. Es gab ja keine Plakate, keine Werbung, gar nichts. Das war schon irre.

Kam das Comeback spontan zustande?

Die letzten zehn Jahre gab es immer wieder Anstöße und Versuche, aus denen dann nie etwas wurde. Dieses Mal hat alles Hand und Fuß, und wir geben volle Kraft. Halbe Sachen sind nicht mehr unser Ding.

Woran liegt es, dass Sie wieder so begeistert aufgenommen wurden?

Die Zeit ist wieder reif für uns. Viele kennen uns noch von ganz früher, als wir auf der Straße spielten. Dann kam der große Erfolg, die Grundstimmung uns gegenüber war zunächst positiv. Ende der Neunziger kippte das, plötzlich waren alle gegen uns. Auch zu Recht. Wir benahmen uns wie Neureiche, wohnten in einem Schloss, waren ein bisschen hochnäsig geworden. Wir waren ein leichtes Ziel für die Häme der Stefan Raabs dieser Welt. Wir haben auch berufliche Fehler gemacht, Paddy und ich waren Teenie-Idole. Wir hätten uns da mehr zurückhalten müssen. Aber das Negative ist mit der Zeit abgestorben. Und deshalb freuen sich die Leute jetzt, dass es uns wieder gibt.

Brauchen viele Menschen die Kelly Family so als Gefühl? Familie und Zusammenhalt, das sind ja Werte, die heute genauso wichtig sind wie vor 20 Jahren.

Wahrscheinlich sogar noch wichtiger. Dazu kommt: In den 90ern waren wir jung und sexy und Familie. Jetzt sind wir nur noch Familie (lacht). Wir sind auch ehrlich und verbergen nicht, dass es auch mal knirscht zwischen uns. Kelly Family bedeutet nicht permanent Friede, Freude, Eierkuchen. Unser Publikum weiß, dass auch wir manchmal Probleme haben, und findet es gut, dass wir es dennoch schaffen, zusammenzubleiben. Jeder bei uns muss Kompromisse machen, muss Einsatz zeigen – das inspiriert die Menschen.

Wie raufen Sie sich wieder zusammen?

Gerade die Konzerte sind Erlebnisse, die uns extrem beflügeln. Zusammen auf der Bühne zu stehen, heilt viele Wunden.

Damals waren Sie der Jüngste. Jetzt sind Sie 35 und musikalischer Leiter der Kelly Family, außerdem Showleiter der Konzerte. Was ist gleich geblieben, wenn Sie auf der Bühne hinter dem Schlagzeug sitzen?

Die Aufregung! Aber sonst ist wirklich alles anders. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt und bin heute viel sensibler dafür, was es heißt, auf der Bühne zu sein. Und die Rollen innerhalb der Band haben sich in der Tat stark gewandelt. Es ist heute nicht mehr so wie damals, als unser Vater der Chef war. Jetzt bringt jeder seine Talente ein und trägt zum Gelingen des Projekts „Kelly Family“ bei.

Einige von Ihnen waren in den späten 90ern körperlich und psychisch ausgebrannt. Wie war das bei Ihnen?

Ich brauchte ein paar Jahre, um alles, was geschehen war, zu verarbeiten und abzuhaken. Man neigt ja, wenn plötzlich alles den Bach runtergeht, dazu, das nicht wahrhaben zu wollen. Man nimmt es persönlich, wenn man auf einmal nicht mehr die großen Hallen füllt. Ich habe dann bewusst Abstand genommen und geguckt, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege. Meine Frau Kira war eine große Hilfe, wir gründeten eine Familie, das hat mich gerettet.

Sie wurden mit 19 das erste Mal Vater.

Richtig. Ich kannte meine Frau schon, seit ich neun war. Mit 17 sind wir ein Paar geworden, und es klingt verrückt, aber schon das erste Kind war geplant. Für mich war immer klar, dass ich eine Großfamilie haben möchte, alles andere war keine Option.

Als Angelo Kelly & Family sind Sie mit Ihrer Frau und den Kindern unterwegs. Bauen Sie schon die nächste Generation Kelly Family auf?

Man muss immer schauen, ob es allen gefällt. Ich kann jetzt nicht sagen, das machen wir die nächsten zehn oder 20 Jahre. Vielleicht wollen die Kinder ja später auch studieren oder etwas ganz anderes machen als Musik. Für mich als Vater ist es das Wichtigste, dass die Kinder einen freien Geist haben und nicht mit der Masse laufen.

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