Theaterkritik

Vier Männer und eine Frau in der Raumstation

Ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene: „Super Collider“ im HAU 2

Die freie Szene Berlins ist immer wieder für unsterbliche Abende gut, die einen ganz neu auf die Welt blicken lassen, She She Pops „Testament“ etwa, Gob Squads „Before Your Very Eyes“, zuletzt gerade „Pursuit of Happiness“ vom Nature Theater of Oklahoma. Einerseits. Andererseits gibt es Abende, und das auch nicht zu knapp, die einem das Absitzen in ihrem bitteren Scheitern zur Qual machen. Einen dieser bitteren Abende liefert jetzt ausgerechnet jene Berliner Gruppe ab, die schon die ein oder andere schrullige Sternstunde lieferte: Showcase Beat Le Mot.

„Super Collider“ im Hebbel am Ufer (HAU) 2 nun ist das ganze Gegenteil, ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene, mit dem die Gruppe laut Ankündigung „den Diskursrahmen um das Weltall erweitern“ will: Vier Männer und eine Frau robben und gleiten wie im titelgebenden Teilchenbeschleuniger durch enge Holzkanäle, die eine Raumstation sein wollen. Sie verbinden größere Gehäuse miteinander, teils aus Plexiglas, manchmal kann man durch Ritzen hineinlugen. Ein Performer püriert Smoothies (Weltraumnahrung!), eine fesselt einen anderen, der später wie ein falscher Prophet von der Decke hängt und wirr spricht, alle raunen in knarzende Mikros. Da geht es dann um die großen Themen, die Liebe zum Beispiel als „ ein Parkplatz, eine Garage der Gefühle, ein Karussell der Leidenschaft“. Oder das Böse: „Die Bösen nennen sich doch nicht selbst Böse, aus ihrer Perspektive tun sie doch das einzig Richtige, sie retten die anderen, auch vor sich selbst.“ Das kann man lustig finden. Oder einfach nur bekloppt, weil sich die Texte eher für Rhythmus als für Inhalte interessieren.

Hatte der Abend mit Bauchtanz, dem rituellen Über-Bord-Werfen von Musikinstrumenten und der Suche eines Steckers nach seiner Dose wie zielloses Figurentheater begonnen, endet es damit, dass drei nackte Performer sich in Babyöl wälzen und später ihre Köpfe in billigen Sahnetorten versenken. Genau so stellen sich vermutlich Menschen, die sich nie in die freie Szene trauen, Off-Produktionen vor. Blöd, dass Showcase Beat Le Mot hier alle Klischees bestätigen. „Der Weltraum ist unendlich, Kinder, wie ein Kreis“, heißt es einmal. „Und unendlich langweilig.“ Leider wahr.

Gerade zeigt das HAU auch noch einen anderen, wesentlich gewichtigeren Abend, „Stress“ von Adrian Figueroa. Das Thema hat’s in sich: Wie blicken Inhaftierte einer Berliner Jugendstrafanstalt auf die Welt? Da erzählt einer davon, wie er immer darauf wartete, für seine Vergehen mal richtige Grenzen gezeigt zu bekommen, Motto: Wenn das so einfach ist, kann ich ja weitermachen.

Aus den vielen Gesprächen, die Regisseur Figueroa führte, hat er gemeinsam mit Tunçay Kulaoğlu eine Textfläche für vier Schauspieler gebastelt. Während Nyamandi Adrian, Lukas Steltner, Hasan Taşgın und Paul Wollin über die Bühne hechten, Klimmzüge machen, in streng choreografierten Bewegungs-Loops feststecken, zerbröseln die Geschichten, verheddern sich in Wiederholungen und Fragmentierungen. Da fallen krasse Sätze wie „Ich kann mich nicht lieben, weil ich mich nicht respektiere“. Sie gehen aber im Rauschen der Tonspur und des Videobeamers unter, der über alles seine kalten Zerrbilder legt.

Oft ist es so, dass man sich bei derartigen Projekten mehr Kunst, weniger Sozialreportage wünscht. Hier ist es umgekehrt. Man hätte gerne mehr erfahren über die Schicksale, Motivationen, Wandlungen. Irgendwann scheint auf, dass die meisten wegen einer Mischung aus mangelnden Perspektiven, im bestehenden System wohlhabend zu werden, und fehlenden Grenzen in Gewalt und Diebstahl gelandet sind. Immer wieder werden Antworten der Inhaftierten eingestreut auf die Frage, was sie anderen gerne beibringen würden. „Nicht zu mobben“, „Vernünftig zu sein“. Oder wie man eine Marzipancreme zubereitet. Mehr davon! Wenn der Abend schon an seiner Bauart scheitert, so hat er doch etwas, was „Super Collider“ schmerzlich fehlt: Relevanz.

HAU 2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg