Adventsmusik

Jauchzet, frohlocket

Das Wichtigste zum „Weihnachtsoratorium“, alle Jahre wieder der Deutschen liebstes Kirchenmusikstück

Bei Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" können selbst viele Atheisten nicht widerstehen, das Stück gehört zu Weihnachten nun mal dazu wie Zimtstern und Kerzenschimmer. Es gibt eine Reihe von Aufführungen in Berliner Kirchen und der Philharmonie. Damit Sie mitreden können, machen wir einen kleinen Rundgang durch eine Aufführung. Eins schon mal vorweg: Wenn ein Musiker vom "Weihnachtsoratorium" spricht, sagt er WO.

Der Evangelist

Der Evangelist (Tenor) erzählt in Rezitativen die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vom Volkszählungsbefehl des Kaisers Augustus bis zum Abzug der Heiligen Drei Könige. Unerlässlich für diesen Nonstop-Einsatz sind eine bewegliche Stimme, klare Diktion, Kondition und eine Wasserflasche. Es gibt ein paar Berufsevangelisten, die in der Saison ganze Regionen versorgen.

Der Chor

Der Kirchenchor ist das Herz der Gemeinde; einen stärkeren sozialen Klebstoff als das Singen kann man sich kaum denken. Das WO ist der Höhepunkt des Jahres. Hinterher gibt es ein Chorfest mit Büfett und Reden. Außerdem ist Chor die Bezeichnung für eine Chornummer, die kein Choral ist. Jede Kantate hat mindestens einen, der berühmteste ist der Eingangschor der ersten Kantate "Jauchzet, frohlocket".

Die Solisten

Die Solisten haben ihre Auftritte in den Arien. Die barocke Lyrik ist recht überschwänglich im Tonfall und nicht gerade leibfeindlich. "Labe die Brust, empfinde die Lust", singt der Alt etwa in der Arie "Schlafe, mein Liebster". Glaubenslust? Warum nicht? Vielleicht lassen Sie sich aber auch von der entzückenden Echo-Arie überraschen – einer von vielen Gründen, sich die Kantaten IV bis VI doch mal anzuhören.

Die Musiker

Muggen (im Musikerjargon "musikalische Gelegenheitsgeschäfte") sind in der freien Szene naturgemäß weitverbreitet. In der Weihnachtszeit spielen nicht fest angestellte Musiker oft einen wesentlichen Teil ihres Jahreseinkommens ein. Den Spitzenplatz im Weihnachtsrepertoire nimmt das WO ein. Welches Honorar sie erhalten, darüber hüllen sich die Musiker in Schweigen.

Die Kantatenwahl

Maßeinheit im WO ist die Kantate. Das Werk besteht aus sechs von ihnen. Ursprünglich wurden sie zur Weihnachtszeit einzeln in den Gottesdiensten gespielt, beginnend am 25. Dezember. Jede dauert ungefähr eine halbe Stunde. Man spricht von "WO I–III" oder "WO I–VI". Nur "WO IV–VI" allein kommt kaum vor; erstaunlicherweise ist der erste Teil wesentlich beliebter. Dieser ist so gut wie immer dabei. Die Kantaten IV bis VI haben eher Bonuscharakter. Das haben sie nicht verdient.

Der Sopran

Der Sopran schweigt in den ersten drei Kantaten über weite Strecken. Lichtblick ist ein kurzer, aber prominenter Auftritt mit "Fürchtet euch nicht". Es muss keine Sopranistin sein, auch Knaben singen Sopran oder Alt. Das ist kein Zeichen, dass Bach in Genderfragen besonders fortschrittlich gewesen wäre, sondern Ausdruck des Schweigegebots für Frauen in der Kirche. Der Maulkorb ist zwar heute passé, bei Tenor und Bass ist aber schon wieder Schluss mit der Gleichberechtigung.

Die Trompete

Die Trompete ist der instrumentale Star des WO. Schon die erste Kantate ist ein Trompetenfest. Die Kantaten II, IV und V sind ohne Trompeten, aber auch sehr schön. Hörner spielen dagegen nur in zwei Nummern in Kantate IV. Der Part liegt aber so schwer, dass Hornisten, die ihn spielen können, ähnlich rar sind wie gute Evangelisten. Findige Kantoren lassen die beiden Nummern einfach von den Trompetern auf dem Flügelhorn spielen. Die sind ja sowieso schon da.

Die Pause

Nach drei Kantaten haben alle Beteiligten eine Pause nötig, sofern dann nicht ohnehin Schluss ist. Frühes Einreihen in die Toilettenschlange empfiehlt sich. Das haben die Kirchen mit dem Konzerthäusern gemeinsam.

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