Kultur

Ein gelungener Start mit Franz Schubert

Ein neues Streichquartett präsentiert sich im Boulez-Saal

Aus der Staatskapelle heraus hat sich ein neues Streichquartett begründet, das seinen ersten Zyklus rund um den Komponisten Franz Schubert im Pierre-Boulez-Saal eröffnet. Das Quartett besteht aus besten Kräften von Barenboims Kapelle, allen voran dem Konzertmeister Wolfram Brandl als Primgeiger der Gruppe und der Stimmführerin der Bratschen Yulia Deyneka. Zweite Geige und Cello liegen in der Hand von Krzysztof Specjal und Claudius Popp.

Ist es günstig, mit dem bei Schubert vereinzelten Quartettsatz in c-moll D 703 zu beginnen? Der Gesamtklang wirkt noch anfällig, gerade die Schüttelbewegung des ersten Teils kommt nicht gleichmäßig aus dem gesamten Quartett heraus. Wolfram Brandl wirkt in diesem Anfang noch unsicher, auch in der Intonation. Gerade für die orchestrale Dimension dieser kleinbesetzten Musik, worin Schuberts berühmte zerklüftete Gräben unter heiler Oberfläche genauso hörbar werden wie in den Sinfonien, gibt es in der Interpretation des Quartett-Fragments zunächst keine Lösung.

Aber eine Lösung ist angedacht. Im folgenden frühen Schubert-Streichquartett Nr. 5 C-Quartett – womit man vielleicht, auch in Verzicht auf den besonderen Effekt – vielleicht besser hätte einsteigen sollen, finden sich die Musiker zunächst mal zu einer klassisch und geschlossen klingenden Formation zusammen. Das entschiedene Tremolo im Tutti gelingt gut und wirkt bereits eher wie jener bekannte Franz Schubert zwischen Klassizität und schicksalsdräuender Abgründigkeit, und Brandl erinnert im zweiten Satz mit einer berückenden Kantilene über den in barocker Strenge geführten Unterstimmen an seine enormen Qualitäten, die er nicht nur als Konzertmeister, sondern eben auch als Kammermusiker besitzt. Im vierten Satz beeindruckt hier, wie ökonomisch die geigerischen Mittel im Dienst eines eigentlich rasanten musikalischen Geschehens eingesetzt werden.

Im Streichquartett Nr. 11 E-Dur D 353 des 19-jährigen Franz Schubert sind die Staatskapellen-Musiker in dem von ihnen gewohnten runden Schönklang angekommen. Vollendet ausbalanciert ist die Frage-Antwort-Passage im zweiten Satz im Wechselspiel der ersten Violine mit der zweiten und der Bratsche. Im dritten Satz dann fühlen sich die Musiker so frei, dass auch mutige Verzögerungen und Vorausnahmen, das sogenannte Rubato, souverän möglich ist.

In solchem Spiel schwappt der klassizistische Satz des jungen Schubert bereits in romantischen Gestus über, der dann nach der Pause im durchweg romantisch-tiefschürfenden "Rosamunde-Quartett" D 804 voll ausgespielt wird – allerdings nicht mit überbordender Melancholie, die auch möglich wäre. Aber dazu sind die Musiker über ihre gelungene Neugründung vermutlich zu enthusiastisch und – im Gegensatz zum todgeweihten Schubert – dem Diesseits verhaftet. Weitere Schubert-Quartett-Konzerte folgen im März und im Juni 2018.

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