Kultur

Mit der Kamera Geschichten erzählen

Die Liebermann-Villa zeigt Bilder der vergessenen Fotojournalistin Käthe Augenstein

Max Liebermann ist schon über 80 Jahre alt, als Käthe Augenstein ihn 1930 in seinem Atelier am Pariser Platz besucht. Auf ihrem Porträtbild blickt er ein wenig müde an der Kamera vorbei. Die Negative von der Fotosession sind verschwunden, ganze fünf Abzüge sind erhalten. Sie zeigen den Maler in unterschiedlichen Posen: als erfolgreichen Mann des gebildeten Bürgertums am Kamin lesend und als schaffenden Künstler. Ein Bild richtet den Blick in einer Nahaufnahme nur auf seine Hände bei der Arbeit an einer Zeichnung, ein anderes nimmt das Atelier in den Blick. Liebermann sitzt Farben anmischend vor einem Porträt seiner Frau. Das Bildnis von Martha Liebermann auf der Staffelei ist fast bis auf den Boden gesenkt und bildet mit dem Künstler eine Achse. Die Aufnahme von Käthe Augenstein mutet also fast wie ein Doppelporträt der Eheleute an.

Die Fotografin hat nicht etwa ein klassisches Porträt des berühmten Malers geschaffen, sondern ganz im Sinne der legendären Fotoagentur Dephot eine für die damalige Zeit neuartige Fotoreportage erstellt, die mit mehreren Bildern eine ganze Situation erfasst. Für die Liebermann-Villa sind die Aufnahmen Anlass für eine Ausstellung mit Käthe Augensteins Fotografien von den frühen Anfängen in Berlin bis zu der Nachkriegszeit in Bonn. Dort wurde Käthe Augenstein 1899 geboren, zeigte schon früh ein Interesse für Fotografie und bewegte sich im Kreis der Bonner Künstleravantgarde.

Doch bald reichte ihr die enge Provinzstadt nicht mehr. 1926 zog sie nach Berlin, wo sie zwischen 1927 und 1929 beim Lette-Verein in Schöneberg Fotografie studierte. Schon bald machte sie sich mit ihren Fotoreportagen und Foto-Essays einen Namen und konnte als einzige Fotografin in größerem Umfang für die bekannte Foto-Agentur Dephot arbeiten, welche die vielen Illustrierten der Hauptstadt mit Bildern belieferte. In der Liebermann-Villa sind Porträts des Schriftstellers Thomas Mann, des Malers Otto Dix und der Bildhauerin Renée Sintenis zu sehen, damals Inbegriff der emanzipierten "Neuen Frau". Reportagen über kulturpolitische Ereignisse und Facetten des Großstadtlebens vom Baden am Wannsee bis hin zum Zirkusbesuch gehörten zu Augensteins Themen.

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde Dephot geschlossen. Ab 1937 arbeitete Augenstein für den "arisierten" Ullstein Verlag. Im Frühling 1945 brannte ihre Berliner Wohnung in Wilmersdorf samt Archiv vollständig ab.

Augenstein begab sich in ihre Heimatstadt Bonn zurück und versuchte an ihre Erfolge aus der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Sie porträtierte Politiker und Künstler und machte weiterhin Fotoreportagen. Bis zu ihrem 72. Geburtstag blieb Käthe Augenstein als freiberufliche Fotografin tätig. Danach geriet sie in Vergessenheit, bis unlängst ihre Bilder im Bonner Stadtarchiv wiederentdeckt wurden. Am 29. Dezember 1981 starb Käthe Augenstein in Bonn.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomier­str. 3, Wannsee. Tel.: 80 58 59 00.
Mi.-Mo. 11–17 Uhr. Bis 12. Februar 2018