Musical

Eine tiefe Verbeugung vor Rio Reiser

| Lesedauer: 3 Minuten
Stefan Kirschner
Ein großartiger Auftritt: Moritz von Treuenfels (M.) als Rio Reiser im Hans Otto Theater

Ein großartiger Auftritt: Moritz von Treuenfels (M.) als Rio Reiser im Hans Otto Theater

Foto: HL BOEHME

Das Hans Otto Theater in Potsdam feiert in „König von Deutschland“ das Leben von Rio Reiser. Ein Triumph für die Bühne.

Der Saal steht und applaudiert, erst nach zwei Zugaben lässt das Publikum die Darsteller von der Bühne: ein Triumph für das Hans Otto Theater in Potsdam. Dazu tragen die Musiker und insbesondere der fantastische Hauptdarsteller ganz wesentlich bei: Moritz von Treuenfels, Ensemblemitglied des Potsdamer Theaters, spielt Rio Reiser.

Und wenn er singt, dann ist von Treuenfels stimmlich nah dran an seiner Figur. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, einer stilistisch völlig anderen, aber ebenso maßgeblichen Band aus dem alten West-Berlin, schrieb im Nachruf auf den Kollgen von Ton Steine Scherben: „Singen vor Publikum ist eine eigenartige Beschäftigung: Man kann das Blut, das man den Menschen entzieht, wie ein Vampir schlucken, oder man kann es verwandeln und zurückgeben“ – so wie Rio Reiser.

Oder so, wie Moritz von Treuenfels, der an diesem „Rio Reiser – König von Deutschland“-Abend, der als Schauspielmusical angekündigt wird, aber eigentlich ein tolles Konzert mit eingeflochtener Lebensgeschichte ist, auch zur Gitarre greift und am Klavier sitzt. Unterstützt wird er von den Musikern Daniel Splitt (Bass), Daniel Klein (Schlagzeug), Friedemann Petter (Keyboard, Saxofon) und Marc Eisenschink (Gitarre und hauptberuflich Tonmeister am Hans Otto Theater).

Und den Kollegen aus dem Ensemble, die sich entweder aufs schauspielern beschränken und dabei mehrere Rollen übernehmen wie Denia Nironen, Eddie Irrle und Katrin Hauptmann – die unter anderem als Marianne Rosenberg zu sehen ist, die als letzte mitbekommt, dass Rio nicht so auf Frauen steht. Oder auch noch zum Instrument greifen wie Frédéric Brossier und Florian Schmidtke.

Es läuft einem kalt den Rücken runter, wenn „Der Traum ist aus“ erklingt – und man meint, die Scherben live zu hören. Bei der Premiere hält es einige Zuschauer kaum noch auf den Sitzen bei „Keine Macht für niemand“ oder dem „Rauch-Haus-Song“ mit dem nicht nur in früheren Hausbesetzer- und heutigen Hausbesitzerkreisen zum Evergreen gewordenen Zeilen: „Und wir schreien’s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“

Das Bühnenbild von Matthias Müller erinnert ein bisschen ans Astra Kulturhaus in Berlin. Regisseur Frank Leo Schröder erzählt die von Heiner Kondschak geschriebene Lebensgeschichte flott und mit den Liedern verwoben: Der junge Rio dreht noch sehnsüchtig am Kofferradio auf der Suche nach Rock ’n’ Roll, da greift die Band zu den Instrumenten. Studentenunruhen und Demos in Berlin, dazu der Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“.

Die Ansprüche der linken Szene an die Band, die gemeinsame Flucht aufs Land, Krisen in der Kommune, Drogen, Suff, die ewigen Geldprobleme, die Solo-Karriere des „Königs von Deutschland“ und der frühe Tod begleitet von „Junimond“ – der berührende Abend ist eine tiefe Verbeugung vor dem Sänger, Musiker und Schauspieler, der 1996 im Alter von nur 46 Jahren starb.

Hans Otto Theater, Schiffbauergasse 11, Potsdam. Termine: 15.12. (ausverkauft), 22., 27. und 31. Dezember, 1. und 14. Januar. Karten: 0331/98 118.