Kultur

Lange Amtszeiten haben Tradition

Dritter und letzter Teil der Serie zur Geschichte der Oper: Daniel Barenboims historische Kontinuitäten

Am 7. Dezember wird das Opernhaus Unter den Linden 275 Jahre alt. Einen Tag später feiert Humperdincks "Hänsel und Gretel" Premiere. Es ist der Beginn des Regelbetriebs in der Staatsoper nach über sieben Jahren sanierungsbedingter Pause an diesem Ort. Die alte preußische Hofoper, eröffnet von Friedrich II. im Jahr 1742, blickt auf eine zwischen Größe und Provinzialität wechselnde Geschichte zurück. Das Jubiläum bietet Anlass für einen Rückblick.

Nach Jahrzehnten enger Verwobenheit mit dem DDR-Staat wurde die Staatsoper Unter den Linden am 1. Januar 1990 nominell und finanziell der Stadt Berlin unterstellt. Daniel Barenboim sollte als erster Generalmusikdirektor nach der Wende verpflichtet werden. Die Staatskapelle, der Opernchor sowie das Ballett hofften auf zunehmende internationale Reputation und Beziehungen – nach Jahrzehnten der Beschränkungen auf die Künstlerszene des Ostblocks. Sie sprachen sich ausdrücklich für Barenboim aus und erhielten dabei prominente Unterstützung des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Aus den Kreisen der Solisten der Staatsoper gab es dabei auch gewichtige Gegenstimmen, die – nicht zu Unrecht – eine Zerschlagung des stabilen und beliebten hauseigenen Opernensembles aus DDR-Zeiten befürchteten. Mehr gefühlt als ausgesprochen wurde damals, dass der Kosmopolit Barenboim nur auf den ersten Blick ein "aus dem Westen" Eingeflogener war – und dass er etliche historische Kontinuitäten durch seine Herkunft und Biografie wiederherstellen würde.

Als Barenboim in Buenos Aires aufwuchs, war dort Erich Kleiber die gewichtigste musikalische Autorität – der aus Deutschland geflohene Dirigent, der 1925 als Musikchef Unter den Linden nach sagenhaften 34 Orchester­proben die Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck" leitete. Einen entscheidenden Berührungspunkt hatte Barenboim auch mit dem Österreicher Otmar Suitner, welcher Chef der Staatsoper für über 25 Jahre und Barenboims unmittelbarer Vorgänger war. Suitner wie Barenboim waren Dirigierschüler von zwei wichtigen ehemaligen Staatsopern-Dirigenten gewesen, und zwar solchen der 30er-Jahre: Barenboim lernte als Musikstudent in Wien bei dem Kult-Dirigierlehrer Hans Swarowsky, Suitner seinerseits bei Clemens Krauss. Swarowsky hatte 20 Jahre zuvor als junger Kapellmeister Unter den Linden das Standardrepertoire gepflegt, während Krauss Operndirektor des Hauses gewesen war – auf Empfehlung seines Mentors, des damals knapp 70-jährigen Richard Strauss. Die Macht, von seiner Villa im fernen Bayern aus eigennützige Empfehlungen für das Berliner Opernleben geben, hatte sich der Starkomponist Strauss viel früher erworben: als Hofkapellmeister an der Berliner Oper seit 1899. Die musikalische Traditionslinie vom kaiserlichen Zeremonienmeister Strauss zum Generalmusikdirektor Barenboim ist somit fester geknüpft, als man aufgrund der sehr unterschiedlichen Herkünfte, Weltbilder und Epochen vermuten möchte.

Karajans Karriere nahm in der Staatsoper ihren Anfang

Dirigenten Unter den Linden waren ohne Weiteres fähig, Zeitgeschichte zu überspannen: Wiewohl der von den Nazis protegierte Jungdirigent Herbert von Karajan nach einem Staatskapellen-Konzert im Februar 1945 nach Italien floh und zeitlebens keinen Fuß mehr in den Osten Berlins setzen sollte, hatte Karajans jahrzehntelange Berliner Karriere doch in der Staatsoper ihren Anfang genommen – bis das Haus der großen preußischen Architekten Knobelsdorff und Langhans völlig zerbombt wurde. Fotografien dieser nationalen Katastrophe gab es zu NS-Zeiten nie, Goebbels hatte sie verboten.

Der im Opernleben Berlins einst hochberühmte Kapellmeister Leo Blech seinerseits dirigierte Unter den Linden von 1906 bis zu seiner Emigration 1937 und kehrte 1949 noch einmal für einige Zeit nach Berlin zurück – ein weiteres von den Zeitläuften unbeeindrucktes Kontinuum. Überredet wurde Blech zu dieser nostalgischen Stippvisite von Heinz Tietjen, der seit 1927 sämtliche Preußische Staatstheater als Generalintendant geleitet hatte. Tietjen wusste gegenüber dem finanziell klammen Volksbildungsministerium der Weimarer Republik und später gegenüber Göring und Goebbels die Staatsoper in ihrer künstlerischen Eigenständigkeit zu verteidigen. Der wendige Tietjen blieb ohne NS-Parteibuch und beriet dennoch die erklärte Hitler-Freundin Winifred Wagner in Bayreuth: Auf Tietjens Geheiß fuhren ab den 30er-Jahren weltberühmte Wagner-Sänger zwischen den Linden und dem Grünen Hügel hin und her. Auch hier sollte Daniel Barenboim ab 1992 Kontinuitäten wieder aufnehmen: Mit dem Regisseur Harry Kupfer, aber auch mit Wagner-Stars wie John Tomlinson und Deborah Polaski legte er die verschüttete Tietjen-Achse von Bayreuth zum Bebelplatz wieder frei.

Die langen Amtszeiten der jeweiligen Chefdirigenten Unter den Linden und des Intendanten Tietjen sind ein Kitt, der die historischen Brüche des am meisten repräsentativen deutschen Opernhauses im 20. Jahrhundert etwas weniger scharf erscheinen lässt, aber nicht aufhebt.

Festkonzert am 7. Dezember um 19,30 Uhr

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