Kultur

Wo Adel auf Bürgertum traf

Zweiter Teil der Serie: Nach einem verheerenden Brand wird das Opernhaus Unter den Linden wieder aufgebaut

Am 7. Dezember wird das Opernhaus Unter den Linden 275 Jahre alt. Einen Tag später feiert Humperdincks "Hänsel und Gretel" Premiere. Es ist der Beginn des Regelbetriebs in der Staatsoper nach über sieben Jahren sanierungsbedingter Pause an diesem Ort. Die alte preußische Hofoper, erbaut im Auftrag von Friedrich II. im Jahr 1742 und mehrmals zerstört, blickt auf eine zwischen Größe und Provinzialität wechselnde Geschichte zurück. Das Jubiläum bietet Anlass für einen Rückblick in drei Teilen, heute Teil zwei.

Zu klein für die Anforderungen der Bühnentechnik

Der Brandschutz war beim ältesten Berliner Opernhaus auch schon in früheren Jahrhunderten ein Thema. Er war der Grund, weshalb man Anfang der 1840er- Jahre eine vollständige Renovierung der damals 100-jährigen preußischen Hofoper plante.

Zuvor hatte man noch nach langem Hin und Her die erste Aufführung einer Oper von Richard Wagner vereinbart. Die fand dann zwar statt – aber nicht mehr Unter den Linden. Der 31-jährige Komponist dirigierte seinen "Fliegenden Holländer" am 7. Januar 1844 einige Hundert Meter weiter westlich, im Königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Denn das Opernhaus war nur Monate zuvor bis auf die Grundmauern abgebrannt. Bei einer Schießerei im Ballett "Der Schweizer Soldat" hatte sich ein Gewehrpfropfen in einen hölzernen Garderobenschrank verirrt und dort zwischen den Kostümen unbemerkt ein Feuer entzündet.

Nun blieb nichts anders übrig, als die Hofoper neu zu bauen. Ohnehin war das hübsche Knobelsdorffsche Haus für die Anforderungen der Bühnentechnik in den großen romantischen Opern längst zu klein geworden. Doch wirklich größer sollte es, zumindest äußerlich, auch nicht werden. Das war der Wille Friedrich Wilhelms III. und der Tribut an seine Hohenzollern-Vorfahren. Der König befahl so eine frühe Form von Denkmalschutz. Auch jenseits seiner adeligen Lust nach Repräsentation war dies berechtigt, denn im Gegensatz zum DDR-Neobarock aus Trümmerschutt, dessen Bewahrung 2010 von fehlgeleiteten Preußenfans gefordert wurde, handelte es sich damals um einen echten Barockbau inmitten der Bürgermetropole. Carl Ferdinand Langhans, der Sohn des Erbauers des Brandenburger Tors, durfte das Haus von innen, aber nicht von außen verändern.

Eine genuin adelige Oper mit einem heterogenen Publikum von Berliner Opernliebhabern: Das gesamte 19. Jahrhundert hindurch sollte die Lindenoper von dieser gesellschaftlichen Spannung geprägt sein, die auch eine künstlerische war. Dies fing bei dem vom König bestallten Musikchef Gaspare Spontini an – Komponist einer einschlägigen Erfolgsoper der Romantik, der "Vestalin". Spontini sollte ab 1820 über 20 Jahre Unter den Linden als erster preußischer "General-Musik-Director" herrschen.

Der Adel verehrte Spontini, das bürgerliche Publikum lehnte ihn ab, nicht zuletzt angetrieben vom Fremdenhass einer Clique. Carl Maria von Webers "Freischütz", 1821 triumphal in Berlin uraufgeführt, wurde als nationalistisches Sturmgeschütz gegen Spontini in Anschlag gebracht. Man hätte es besser wissen können – brachte der energiegeladene Italiener das Vorläuferorchester der heutigen Staatskapelle Berlin doch mit Verhandlungsgeschick auf 94 Mitglieder und durch akribische Probenarbeit erstmals auf höchstes Niveau. Richard Wagner, mit Kollegenlob sonst sehr sparsam, zählte den Dirigenten und Komponisten Spontini zeitlebens zu seinen Vorbildern.

Wen Wagner explizit nicht dazu zählte, war ein weiterer wirkungsmächtiger Kapellmeister der Lindenoper: Giacomo Meyerbeer. Dabei war es Meyerbeer gewesen, der sich kurz vor dem Opernbrand gegenüber dem sparsamen Generalintendanten Küstner vehement für eine Aufführung des "Fliegenden Holländers" einsetzte. Berlin seinerseits konnte froh sein, dass Meyerbeer das 1844 wieder in Betrieb gehende Opernhaus mit einer eigenen Oper ("Ein Feldlager in Schlesien") eröffnete.

Leider wurden im weiteren 19. Jahrhundert nicht immer so geniale Künstler zu Leitern der Hofoper berufen: Die Amtszeit des militäradeligen Generalintendanten Botho von Hülsen bedeutete für das Haus Unter den Linden ab 1851 über gut 30 Jahre ein Höchstmaß an künstlerischer Lethargie. Auch hier wirkte der Grundkonflikt zwischen Adel und Bürgertum nach. Weshalb weigerte sich von Hülsen zum Beispiel in allen Jahrzehnten, Wagners "Ring des Nibelungen" aufzuführen? Letztlich war seine Aversion gegen den einstigen Dresdner Revolutionär von 1848 der Grund – von Hülsen hatte damals schließlich als Kommandant auf der anderen Seite der Barrikade den Kopf hingehalten.

Wiewohl das Berliner Opernpublikum nach von Hülsens Tod im Jahr 1886 längst nicht nur Wagner und Verdi hören wollte – in der Publikumsgunst auf Platz eins stand ab 1891 Mascagnis blutig-knalliges Sizilien-Drama "Cavalleria rusticana" –, gab es Unter den Linden nun erstmals Weltklasse-Dirigenten einer jüngeren Generation: Hofkapellmeister Joseph Sucher begründete bis 1899 die Wagner-Tradition der Berliner Hofoper – eine Tradition, die ohne Unterbrechung bis heute nachwirkt.

Mit dem dalmatinischen Adeligen Felix von Weingartner erschien der erste moderne Pultvirtuose an der Lindenoper. Die Eitelkeiten, die diese Rolle mit sich brachte, lebte damals vor allem Richard Strauss aus. Nicht zuletzt aufgrund seiner hohen Forderungen als Hofkapellmeister am Opernhaus in Berlins ab Mitte 1898 wurde er der bestverdienende Musiker Europas vor dem Ersten Weltkrieg. Strauss muss sein Geld wert gewesen sein. Wie er höchstselbst die Rezitative der Mozart-Opern improvisierend begleitete, ist eine der vielen Geschichten aus vergangenen Tagen, wie sie heute noch in den Gängen der Staatsoper Unter den Linden erzählt werden.

Den dritten und letzten Teil der Serie,
"Vom Kaiserreich zum Kalten Krieg" lesen Sie am Jubiläumstag, den 7. Dezember

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