Kultur

Männer in kurzen Röcken

Ivan Panteleev hat „Die Zofen“ am Deutschen Theater inszeniert – eine bittersüße Komödie mit Längen

Ungläubig schaut Samuel Finzi ins Pu­blikum. Seine Claire hat eben am vergifteten Lindenblütentee genippt. Jetzt wartet sie auf die Wirkung. Nichts. Noch ein Schluck. Schauen. Staunen. Wieder nichts. Na gut, dann halt ein Lied. Also singen Finzi und Wolfram Koch die französische Weise vom Ma­trosen, bis das Licht erlischt.

Sterben gilt nicht in diesem Spiel, gerade weil es eben nur ein Spiel ist. Jean Genet hat das mehrfach angedeutet in seinen 1947 uraufgeführten „Die Zofen“. Irgendwo zwischen Realität und Traumspiel pendelt das Stück über zwei Hausangestellte, die den Hausherrn mit Unterstellungen hinter Gittern gebracht haben und die Gnädige Frau umbringen wollen, das aber erst mal im Rollenspiel durchexerzieren: Claire übernimmt die Gnädige Frau, ihre Schwester Solange den Part der Claire. Als die Hausherrin dann tatsächlich erscheint, verschusseln sie den Mord. Außerdem ist der Hausherr wieder freigekommen, ihre Intrige wird auffliegen. Am Ende verteilen sie wieder die Rollen, Claire trinkt den für die Herrin vorgesehenen Tee und stirbt.

Bissig ist das, böse, mehr Anbetung des Verbrechens als Gesellschaftskritik. Dass am Deutschen Theater der Tod ausfällt, ist dabei Symptom in Ivan Panteleevs Inszenierung. Ohne seine Dringlichkeit, seinen Ernst bleibt nur das Spiel. Finzi und Koch lassen ihre Rollen oft auf zu kleiner Flamme köcheln, führen Variationen von Möglichkeiten vor, vernachlässigen dabei die Vielschichtigkeit ihrer Figuren.

Was bleibt, ist eine bittersüße Komödie mit Längen auf Johannes Schütz’ steriler Bühne: Eine weite Spiegelwand dreht sich um sich selbst (der vielen Spiegelmotive im Stück wegen, aber auch, weil sich das Publikum drin selbst erkennt). Drüber ist viel Luft, davor zunächst Komik. Denn Panteleev hat das Stück so besetzt, wie es sich Genet vorgestellt hatte: ausschließlich mit Männern. Also staksen Finzi und Koch, in vielen Produktionen schon Berlins Theatertraumpaar, auf Absätzen und in kurzen Röcken auf die Bühne.

Das Publikum quietscht über die Männer im reduzierten Fummel. Und wie Koch und Finzi die Geschlechterklischees mischen, jede Eindeutigkeit vermeiden, das hat schon was: Zackig klacken die Absätze, breitbeinig wirken ihre Gesten, genervt ihre Zickigkeit, wenn Finzi die Blumen versteckt, die Koch gerade erst angeschleppt hat. Doch wenn sie in die Dialoge kommen, köchelt’s lauwarm. Die Sache wird erst spannend, als Bernd Stempels Gnädige Frau hereintrippelt, ein Wunderwerk aus Colliergriff und Schattenboxen. Mit äußerster Spiellust zelebriert Stempel die Doppelbödigkeit seiner Figur, eine Tyrannin der Zurückhaltung und der perfekten Manieren.

Doch kaum ist Stempel weg, sackt die Spannung ab, verheddert sich Koch im langen Monolog seiner Solange. So richtig traumhaft kommt das Paar diesmal nicht zusammen. Am Ende sitzen die beiden an der Rampe und zucken mit den Schultern. Eben.

Deutsches Theater, Mitte, Schumannstraße 13a, Tel. 030 - 284 41-221. Wieder am 9., 16. Dezember sowie am 3., 21. und 30. Januar 2018

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