Kultur

Klassik und Rebellentum

Das Nederlands Dans Theater gastiert mit vier sehr unterschiedlichen Stücken auf der Bühne der Berliner Festspiele

Mit einer Rebellion begann die Geschichte des Nederlands Dans Theater (NDT): Vom klassischen Ballett und seinen starren Hierarchien wandte sich 1959 eine Gruppe Tänzerinnen und Tänzer des holländischen Het Nationaal Ballet ab. Um ihre eigene künstlerische Vision zu verfolgen, gründeten sie das NDT als explizit zeitgenössisches Ensemble. Seit bald 60 Jahren gehört die vormalige Rebellentruppe nun zu den international tourenden Tanzkompanien. Aus dem Aussteigerprojekt ist eine globale Marke geworden.

Kanonisiert ist auch die vormals avantgardistische NDT-Ästhetik. Vor allem Hans Van Manen und Jiří Kylián prägten das NDT, Van Manen leitete die Kompanie 1960 bis 1971, Kylián 1975 bis 1999. Ihre Choreografien verbinden formale Abstraktion und fließende Eleganz. Manches wirkt heute manieristisch, aber immer wieder überrascht die ansteckend humorvolle Theatralik der beiden NDT-Altmeister.

Treu blieb das Ensemble in all der Zeit dem Gründergeist von Aufbruch, Neugier, Ausprobieren – und so gelang nach Phasen der Erstarrung immer wieder die Erneuerung. Mit dem NDT II, einer eigenen Nachwuchskompanie, sichert sich das 28-köpfige Ensemble den Zufluss neuer Talente. Von innen heraus gestaltete sich auch der Wechsel an der Spitze: Seit 2011 leitet das Choreografen-Duo Paul Lightfoot und Sol León die Geschicke des Den Haager Tanzensembles.

Ihre Karriere machten beide beim NDT: Sie starteten als Tänzer im NDT II und stiegen rasch in die Hauptkompanie auf. Ende der 80er-Jahre entdeckten sie das Choreografieren und wuchsen über die Jahre in eine Leitungsfunktion hinein. Als Erste unter Gleichen ermöglichen sie den Künstlerinnen, also den Tänzerinnen und Tänzern, von der soliden Basis des klassischen Balletts aus immer wieder neue Spielarten des Ausdrucks. Vielfältig sind die Ästhetiken, die das NDT auf die Bühnen bringt, in einem auch kräftezehrenden Dauerbetrieb, wie Lightfoot und León gern zugeben.

Überzeugen kann man sich vom breiten NDT-Repertoire dieser Tage in Berlin. Vier sehr unterschiedliche choreografische Handschriften zeigt die niederländischen Tanztruppe im Haus der Berliner Festspiele, wo sie sich von Dienstag bis Sonnabend eingemietet hat. Überzeugen wollen Lightfoot und León von der Innovationskraft des NDT – und sie versprechen physisches Virtuosentum. Internationales Tourgut ist schließlich rar in der als konzepttanzlastig angesehenen Spreemetropole.

Vom Erfolgschoreograf Marco Goecke steht „Woke Up Blind“ auf dem Programm, ein trotz hypernervöser Hochgeschwindigkeit elegisches Kurzstück zu Songs von Jeff Buckley. Wie die Mitarbeiter eines globalen Unternehmens hektisch zu vertuschen suchen, dass ihre Firma Kapital aus einem blutigen Konflikt geschlagen hat, zeigt die Forsythe-Elevin Crystal Pite mit „The Statement“, einem Ballett präziser Gesten rund um einen Konferenztisch.

Von Lightfoot und León selbst stammt das schon etwas ältere „Safe as Houses“, eine melancholische Meditation über die Vergänglichkeit. Konträr zur klassisch anmutenden Ästhetik des Duos wirkt „The missing door“ von Gabriela Carrizo, eine surreale Jenseitsfantasie zwischen Slapstick und Horror. So gelingt dem NDT offenbar nach wie vor der Spagat: zwischen Avantgarde und Tradition, Rebellentum und Klassik.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24. 28. November bis 2. Dezember, 20 Uhr

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