Staatsoper

Ein Tempel mit Startproblemen

Neue Serie: Die Lindenoper wird 275 Jahre alt, wir wagen den Blick zurück - auch bei der Eröffnung war das Haus nicht fertig

Wie es früher war: Ein koloriertes Foto aus der Zeit um 1900

Wie es früher war: Ein koloriertes Foto aus der Zeit um 1900

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture-alliance / Terra Incogni

Am 7. Dezember wird das Opernhaus Unter den Linden 275 Jahre alt. Einen Tag später feiert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ Premiere. Es ist der Beginn des Regelbetriebs in der Staatsoper nach über sieben Jahren sanierungsbedingter Pause an diesem Ort. Die alte preußische Hofoper, erbaut im Auftrag von Friedrich II. im Jahr 1742 und mehrmals zerstört, blickt auf eine zwischen Größe und Provinzialität wechselnde Geschichte zurück. Das Jubiläum bietet Anlass für einen Rückblick in drei Teilen.

„Das Ganze gewährte den Anblick des Unfertigen“

„Die Baugerüste standen noch um das ganze Opernhaus; ja der vordere Theil, welcher den Assemblée- (Concert-) Saal enthielt, war noch nicht einmal im Rohbau vollendet; Treppe und Treppenlaube waren noch nicht angefangen, und das Ganze gewährte den Anblick des Unfertigen, wozu noch der mit Baustücken und Materialien aller Art bedeckte wüste Platz ringsumher und bis zum Anfange der Linden-Promenade kam. Aus diesem Grunde konnten bei der Eröffnung auch nur die beiden Seiteneingänge benutzt werden ...“

Entstammt dies einem Schwarzbuch des Abgeordnetenhauses über den Bauskandal und die holprige Eröffnung der Staatsoper 2017? Nein, es ist der Bericht eines Chronisten über die Eröffnung der preußischen Hofoper am 7. Dezember 1742. Als Unter den Linden erstmals ein Opernhaus errichtet wurde, lief vieles ähnlich schief wie bei der jüngsten Sanierung. Friedrich der Große hatte auf der ersten Vorstellung zu Beginn der Karnevalssaison bestanden. Seinen Baumeister, den Maler und Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, hatte er mächtig unter Druck gesetzt, zumal der Künstler mit den technischen Problemen überfordert war – der alte Festungsgraben musste verlegt werden.

Die Unmengen an Holz, die Knobelsdorffs Arbeiter für die Stabilisierung des morastigen Untergrunds kurzfristig einbauen mussten, haben erst vor einigen Jahren die Bauplaner der neuen Staatsoper unangenehm überrascht: Es waren vermutlich jene alten Holzpfeiler, die nach 2010 unversehens im Schlamm wiederauftauchten und für immense bautechnische Probleme sorgten.

Extravaganzen und prunkvolle Blüten

Gegen die Umstände der ersten Premiere 1742 nehmen sich die losen Türschwellen und Stolperfallen in der hektisch eröffneten Staatsoper vom Herbst 2017 wie Bagatellen aus. Auf eilig und roh gezimmerten Bänken sah das barocke Publikum damals ein Werk von Carl Heinrich Graun, während der Schnee durch die Ritzen des Gebäudes wehte. Mit „Cleopatra e Cesare“ huldigte Graun dem Feldherrn Julius Cäsar und damit im Gleichnis auch seinem Herrscher, der sich, je blutiger seine Kriege wurden, umso lieber als gütiger und gerechter Landesvater in Szene setzte, auch und vor allem in seinem neuen Opernhaus.

Der blutigste dieser Kriege, der Siebenjährige, setzte dann der ersten prunkvollen Blüte des Berliner Opernlebens im Knobelsdorff-Bau ein Ende. Vorbei war die Zeit, da Friedrichs exorbitant bezahlte Lieblingstänzerin Barbara Campanini, genannt Barberina, Adel und Bürgertum in den Balletteinlagen der Opern begeisterte. Hatte es sich überhaupt gelohnt, unter Bruch aller diplomatischen Gepflogenheiten die Künstlerin noch einmal zurückzuholen, nachdem sie sich mit einem Liebhaber aus Berlin nach Venedig abgesetzt hatte?

Die Bühne wurde vergrößert, das Parkett angeschrägt und mit Sesseln versehen

Friedrich hatte den venezianischen Senat gezwungen, Barberina zu verhaften und mit einer Eskorte nach Preußen zurückzuschicken, um ihren Vertrag Unter den Linden zu erfüllen. „Ich bin in diesem Stück ein Kind. Es sind die Puppen, mit denen ich spiele“, schrieb der König einmal über seine Opernmarotten.

Solche Extravaganzen mit seiner geliebten Oper meinte sich der Alte Fritz nach dem verlustreichen Krieg ab 1763 nicht mehr erlauben zu können. Zwar kamen noch der legendäre Alt-Kastrat Giovanni Carlo Concialini und die erste berühmte deutsche Opernsängerin Elisabeth Schmeling-Mara an der Hofoper zu Ehren; doch nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg 16 Jahre später ließ Friedrich Unter den Linden fast gar keine Opernvorstellungen mehr stattfinden.

Nach seinem Tod fand der erste Umbau statt, veranlasst von Friedrich Wilhelm II. Der neue König hatte den Kunstsinn seines Onkels geerbt und half der verwaisten Oper wieder auf die Sprünge. Architekt Carl Gotthard Langhans, Erbauer des Brandenburger Tors, durfte 1788 das Innere des Hauses neu gestalten: Die Bühne wurde vergrößert, das Parkett angeschrägt und mit Sesseln versehen, die Adelslogen verändert wie auch die Sichtverhältnisse auf den anderen Plätzen – das Jahrhundert des mächtigen Bürgertums kündigte sich an. Nicht zuletzt vor dieser Klientel wollte Friedrich Wilhelm Eindruck schinden und scheute keine Kosten bei seiner ersten Premiere – einer Oper des Goethe-Freundes Johann Friedrich Reichardt.

Schinkel entwirft das Bühnenbild zur „Zauberflöte“

Das denkwürdigste, bis heute nachwirkende Ereignis dieser Zeit war allerdings keine Uraufführung, sondern Mozarts in Berlin bereits bestens bekannte „Zauberflöte“. Der junge Karl Friedrich Schinkel hatte anlässlich einer Festaufführung ein neues Bühnenbild entworfen: eine prunkvolle Sternenkuppel für die Königin der Nacht. Dies geschah jedoch erst 1816 und damit bereits unter der Ägide des nächsten Friedrich Wilhelm. Dieser wiederum musste an der Oper knausern: Sein Vater hatte eine leere Staatskasse hinterlassen. Für Friedrich Wilhelm III. hätten die vorhandenen Kulissen für Mozarts Singspiel genügt.

Er änderte seine Meinung, als in kürzester Zeit zwölf Vorstellungen in der Schinkel-Dekoration ausverkauft waren. „Künftig werde ich mich mit meiner Meinung nicht mehr in Verwaltungsangelegenheiten mischen.“ Im Fall Schinkel hat dies wohl kein Berliner Opernliebhaber damals und heute bedauert, denn Schinkel sollte bis 1829 noch zahlreiche Inszenierungen der Hofoper bebildern. Und Schinkels Sternenkuppel für die „Zauberflöte“ sorgt an der Staatsoper noch heute für gut gefüllte Vorstellungen.

Den zweiten Teil der Serie, „Adel und Bürgertum im Wettstreit“, lesen Sie am nächsten Sonnabend, den 2. Dezember.

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