Konzert in Berlin

Alice Cooper gibt im Tempodrom den Partymeister des Grauens

3500 Fans huldigen im Tempodrom der Horror-Rock-Legende. Alice Cooper zelebriert eine geradlinig choreographierte Metal-Show.

Alice Cooper auf der Bühne

Alice Cooper auf der Bühne

Foto: Christophe Gateau / dpa

Berlin. Er war in den 60er- und 70er-Jahren Bürgerschreck und Teenager-Idol. Er verstörte und faszinierte sein Publikum vorsätzlich mit Monstrositäten und Schockeffekten. Er zelebrierte mit Lust am Morbiden makaber-komödiantische Rock-Happenings mit jeder Menge Horrortheater und noch mehr Theaterblut. Der amerikanische Rocksänger Alice Cooper gab stets den finster geschminkten Entertainer aus der Gruft mit Hang zum Makabren und einer Vorliebe für tote Hühner und lebende Schlangen auf der Bühne. Das ist freilich lange her.

Doch auch mit 69 Jahren ist der Fürst der Finsternis weiterhin konsequent auf Achse. Mit „Paranormal“ ist gerade eine neue Platte erschienen. Und das Tempodrom ist mit 3500 Besuchern ausverkauft, als er mit seinen beinharten Musikern am Donnerstagabend in Berlin Hof hält. Als um 21.15 Uhr der mit einem blutigen Augenpaar verzierte Vorhang fällt, zelebriert der „Meister des Schock-Rock“ eine geradlinig choreografierte Metalshow, in der die theatralischen Einlagen zugunsten der Musik etwas in den Hintergrund rücken.

Das kantige, von derben Metal-Riffs getragene „Brutal Planet“ aus dem Jahr 2000 steht im Feuerwerksregen am Anfang der Show. Dann aber spielt Alice Cooper gleich als zweites Stück seinen Hit „No More Mr. Nice Guy“, gefolgt vom Klassiker „Under My Wheels“. Er konzentriert sich inzwischen mehr auf die Musik, die bizarre Bühnendeko ist eher spärlich. Der Mann, der eigentlich Vincent Furnier heißt und im bürgerlichen Leben Familienvater mit drei Töchtern, passionierter Golfer und Restaurantbesitzer ist, macht eine überzeugend gute Figur. Er ist wendig, durchtrainiert und gut bei Stimme.

Zu jedem Song wechselt er die Lederjacke, lässt sich von einer Fleisch gewordenen Lumpenpuppe Garderobe und passende Gehstöcke reichen (die er am Ende des Stückes ins Publikum wirft), fuchtelt auch mal mit einem mit Dollarnoten bestückten Degen herum, gibt ganz den Rock-Shouter, der seine Gesten und Posen beherrscht. Seine Band mit Gitarristin Nita Strauss, den Gitarristen Ryan Roxie und Tommy Henriksen, Bassist Chuck Garric und Schlagzeuger Glen Sobel sorgt für adäquaten Breitwandsound. Hier sitzt alles wie aus dem Eff-Eff. Der Druck ist enorm.

Im Tempodrom wird einer Legende gehuldigt. Alice Cooper kann auf eine nahezu 50 Jahre währende Karriere zurückblicken. Er hat zu seiner Anfangszeit die Rockwelt in Aufruhr versetzt. Er wurde aber auch als Jugendverderber beschimpft. Konzerte wurden verboten oder nur für Besucher über 18 Jahren erlaubt. Er inszenierte auf der Bühne den Kampf des Guten gegen das Böse in geradezu biblischen Dimensionen. Bei ihm siegt letztlich immer das Gute. Auch wenn das Böse dabei meist ziemlich blutrünstig aus der Welt getreten wurde.

Cooper hat auch unzählige Musiker, die nach ihm kamen, beeinflusst. Seine gelehrigen Jünger der nächsten Generation von Rob Zombie bis Marilyn Manson haben es heute ungleich schwerer, mit ihrer grenzwertigen Kunst zu provozieren. Auch Coopers Mixtur aus Monster-Mummenschanz, Grand-Guignol-Theater und treibender Rockmusik wirkt heutzutage ein wenig museal. So tut er durchaus gut daran, die Showeinlangen auf ein Minimum zu beschränken.

Nach weiteren Hits wie „Billion Dollar Baby“ oder „Poison“ werden dann doch ein paar altbekannte Showgimmicks aufgefahren. Das erwartet man ja schließlich bei einem Alice-Cooper-Konzert. Bei „Feed My Frankenstein“ erschafft er unter Nebel- und Feuerwerksgetöse ein gigantisches Halloween-Monster, das etwas ungelenk über die Bühne stakst. Schließlich vergeht er sich als paranoider Maniac an seiner lebensgroßen Lumpenpuppe (die diesmal nicht aus Fleisch und Blut ist), wird unter scharfer Beobachtung einer strengen Krankenschwester in eine Zwangsjacke gesteckt und landet auf dem Schafott. Triumphierend hält der schwarzlederne Scharfrichter den unter dem Fallbeil abgehackten Gummikopf in die Menge. Klingt schräg. Und das ist es auch. Doch der Spaßfaktor in der Halle ist enorm. Und natürlich ist die Auferstehung nicht weit.

Alice Cooper kehrt zurück ins Rampenlicht, um zum großen Finale mit „I’m Eighteen“, das 1971 sein erster großer Erfolg war, den Schlusspunkt unter eine fulminante, kompakte Rockrevue zu setzen. Er singt das Lied nicht ohne Ironie mit einer Krücke unterm Arm. Zur einzigen Zugabe kehrt er im schneeweißen Mr.-Nice-Guy-Frack und Zylinder noch einmal zurück. Denn ein Hit fehlt ja noch, klar: „School‘s Out“, die Hymne von 1972, die er augenzwinkernd mit einem Zitat aus Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ garniert. Feuerwerk, Konfetti, Luftballons – es gibt viel Applaus für den Partymeister des Grauens.