Interview

Noel Gallagher: "Meine Frau sagt, ich sei Feminist"

Der Sänger Noel Gallagher über Gleichberechtigung, sein neues Album und warum er morgensseine Kinder nicht in die Schule bringen kann

 Fühlt sich frei und leicht und glücklich: Noel Gallagher

Fühlt sich frei und leicht und glücklich: Noel Gallagher

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

Noel Gallagher’s High Flying Birds veröffentlichen das dritte Album. Es heißt „Who Built The Moon?“ und hört sich deutlich anders an als erwartet. Gemeinsam mit dem DJ und Soundtrack-Fachmann David Holmes hat der ehemalige Frontmann von Oasis ein erstaunlich elektronisches und Soul-orientiertes Album aufgenommen. Wir unterhielten uns mit dem 50-jährigen Britpop-Veteranen am Telefon.

Noel Gallagher, wir waren ursprünglich vor wenigen Tagen zum Interview in Berlin verabredet, aber Sie haben sich kurzfristig krankgemeldet. Was war los?

Noel Gallagher: Ich muss mir wohl auf dem Kindergeburtstag meines zehnjährigen Sohnes einen Virus eingefangen haben. Plötzlich bekam ich überall Ausschlag, was etwas beunruhigend ist für einen Mann meines Alters. Aber es geht mir schon wieder besser, mein Arzt hat mir ein paar echt wirksame Tabletten verschrieben.

Sie waren zuletzt mit U2 auf großer Tournee in Europa und Lateinamerika. Wie war es?

Klasse. Ich erinnere mich an die Show in Berlin im Sommer, es hat in Strömen geregnet, und doch war das eines der besten U2-Konzerte, das ich je gesehen habe. Wir haben hinter der Bühne alle zu Bonos spontaner Version von „Singin’ In The Rain“ getanzt.

Apropos: „Who Built The Moon?“ ist wohl das erste Noel-Gallagher-Album, das zum Tanzen taugt.

Ich habe drei Jahre an der Platte gearbeitet. Falls ich je einen echten Plan hatte, dann habe ich den schon lange wieder vergessen. Dieses Mal habe ich spontaner gearbeitet als jemals sonst. Und ein zentraler Punkt war die Zusammenarbeit mit David Holmes, meinem Produzenten. David macht hauptsächlich Soundtracks, zum Beispiel den für „Ocean’s Eleven“. Er hat mich davor bewahrt, zu sehr wie Oasis zu klingen.

Ist „It’s A Beautiful World“ Ihr Aufruf, auch in harten Zeiten die Schönheiten des Lebens zu erkennen und zu würdigen?

Ja. Der Song ist natürlich die pure Ironie. Denn die Welt da draußen ist nicht schön. Ich sage aber im Refrain: Die Welt daheim, mit meiner Liebsten und mir, die ist wunderbar. Du darfst halt nur nicht aus dem Fenster schauen oder in den Fernseher.

Was treibt Sie besonders um, wenn Sie an die aktuelle Nachrichtenlage denken?

Donald Trump interessiert mich nicht. Ehrlich. Was dieser Trottel treibt, juckt mich nicht. Mich besorgt der Terrorismus, der inzwischen sprichwörtlich vor meiner eigenen Haustür passiert. Aber um ehrlich zu sein, hätte ich keine Kinder, wäre mir auch das egal. Um mich selbst habe ich keine Angst. Doch meine Tochter turnt fröhlich auf den Straßen Londons herum, meine Söhne werden das bald auch tun. Es beunruhigt mich, daran zu denken, dass Leute Bomben in Züge werfen oder Kids bei Popkonzerten in die Luft sprengen.

Wie stehen Sie zum Brexit?

Oh Mann, dieser verfluchte Brexit. Ich habe nicht mit abgestimmt, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man über solche Entscheidungen auf keinen Fall die Bevölkerung wählen lassen sollte. Warum nicht? Weil 90 Prozent der Leute Idioten sind.

Nicht abzustimmen war alles andere als clever. Jetzt können Sie sich über das Resultat nicht beschweren.

Ja, war dumm von mir. Ich habe nicht abgestimmt, weil ich überzeugt war, dass die Briten so doof nun auch wieder nicht wären. Am nächsten Morgen wusste ich es besser und habe meine Entscheidung bereut.

Welche Botschaft steckt im Text zu „Be Careful What You Wish For“?

Der ganze Song soll meinen Kindern eine möglichst große Portion Lebensweisheit mit auf den Weg geben. Er ist wie ein Brief an die drei. Ich sage darin: Passt auf, wie ihr später leben wollt. Dabei warne ich sie so weit es geht vor dem Ruhm und all jenen Begleiterscheinungen, den er mit sich bringt.

Da haben Sie ja gut reden.

Habe ich wirklich! Das meine ich kein bisschen sarkastisch. Sicher, ich bin seit langer Zeit eine bekannte Persönlichkeit, aber ich konnte immer damit umgehen. Ich kam mit Drogen klar, mit Alkohol, easy, das war alles ein großer Spaß und nie ein Problem für mich. Aber nicht jeder Mensch ist so wie ich. Und nicht alle meine Kinder werden so sein wie ich, einer von ihnen wird das alles nicht so entspannt wegstecken können. Das Lied ist ein Stück weit eine Warnung.

Ihre Tochter Anaïs ist bereits ein gefragtes Model. Finden Sie das gut?

Die Kinder sollen machen, wozu sie Lust haben. Aber sie sollen auf sich aufpassen. Ich bin gemacht für dieses Leben, war immer sauehrgeizig und habe ein dickes Fell. Von nichts kommt nichts, das soll auch meinen Kindern klar sein.

Ihre Tochter ist 17, Ihre Söhne zehn und sechs Jahre alt. Was können die Kinder Ihrer Musik abgewinnen?

Sie hören das auf dem Weg zur Schule.

Freiwillig?

Ich glaube schon. Ich selbst bringe die Kinder nicht zur Schule, das ist viel zu früh für mich. Aber meine Frau sagt, dass sie gerne alle zusammen die neue Platte hören – zum Wachwerden.

Wann stehen Sie denn auf?

So im Schnitt um halb neun. Das geht noch, aber ist natürlich nicht zeitig genug, um die Jungs zur Schule zu fahren. Schule ist sowieso blöd. Ich habe die Zeit dort immer für eine unnötige Ablenkung von den Dingen gehalten, für die ich mich wirklich interessierte.

Das erzählen Sie aber nicht Ihren Kindern.

Nein, ich will sie ja nicht unnötig und vorzeitig demotivieren. Bald schon werden die Jungs alt genug sein, um alle Geschichten aus meiner Vergangenheit im Internet nachlesen zu können. Die Armen. Aber für die Kinder wird es sicher sehr lustig sein.

Besonders funky und glücklich hören Sie sich auf „Holy Mountain“ an, Ihr Kumpel Paul Weller hat in dem Lied außerdem einen Gastauftritt. Worum geht es in dem Stück?

„Holy Mountain“ ist mein feministisches Manifest.

Jetzt im Ernst?

Aber ja. Deshalb habe ich mich beim Komponieren dieses Liedes besonders ins Zeug gelegt. „Holy Mountain“ musste besonders gut und knackig werden. Weil es meine Verbeugung vor den Frauen ist.

Gibt es Leute, die Sie für einen Feministen halten?

Meine Frau! Sie verkündete das feierlich eines Abends vor lauter Freunden.

Was war Ihr Grund für ihre Behauptung?

Ich lebe Gleichberechtigung, ohne darüber nachzudenken. Seitdem unterhalten wir uns häufiger über Feminismus, meine Frau und ich. Für mich ist das ein feines Kompliment gewesen. Gerade im Moment geht es ja wieder heiß her mit den Themen Sexismus und all dem.

Sie sind in diesem Jahr 50 geworden.

Bis jetzt ist es gut, ich hoffe, die Fünfziger werden cool. Meine Vierziger habe ich schon tierisch genossen, ich glaube kaum, dass ich das noch übertreffen werde. Die Vierziger waren überhaupt das bislang beste Jahrzehnt meines Lebens.

Wie wichtig ist volles Haar für einen Mann?

Ich muss sagen: verdammt wichtig. Je älter ein Mann wird, desto bedeutsamer werden die Haare. Ich gehe noch weiter. Vielleicht ist das Haar sogar die wichtigste Sache im Leben eines Mannes überhaupt. Ich würde lieber sechs oder sieben fantastische Songs pro Jahr nicht schreiben, wenn ich dafür ewig dichtes, volles Haar behalten darf.

Warum gefallen Ihnen die Vierziger besser als die Zeit als junger Mensch?

Fuck, ja. Ich fühlte mich so frei und leicht und glücklich. Ich war 42, als ich meine Reise mit Oasis vollendete und diesen Lebensabschnitt verließ. Seitdem bin ich der Meister meines eigenen Schicksals. Ich muss mir keine Sorgen und Gedanken mehr um das Verhältnis innerhalb der Band machen, ich muss auch musikalisch keine Rücksicht mehr nehmen. Ein Album wie „Who Built The Moon?“ wäre mit Oasis in hundert Jahren nicht möglich gewesen. Ich kann mir das Genörgel und den Widerstand bildlich vorstellen.

Album: „Who Built The Moon?“, ab 24.11. Konzert: 16.4. 2018, Max-Schmeling-Halle