Kunst

Herbstauktionen in der Villa Grisebach

Bei den Herbstauktionen in der Villa Grisebach wird diesmal deutlich mehr zeitgenössische Kunst versteigert.

Markantes

Markantes

Foto: Karen Bartsch / Grisebach

Auf weißen Grund tummeln sich in Blau und Rot, in Gelb und Grün bunte Kreise. Mal liegen sie diskret nebeneinander, mal überlagern sie sich wild. Was für ein Rausch der Farben, was für ein Spiel mit dem Rhythmus auf einer Leinwand von über drei Meter Länge! 1960 schuf der Maler Ernst Wilhelm Nay (1902–1968) sein Gemälde „Chromatische Scheiben“. Bereits ab 1954 tauchen die Scheiben als Motiv in Nays Malerei auf und sollten ihn bis 1962 begleiten. Der Kreis war für ihn die natürliche Ausbreitung der Farbe im Prozess des Malens. Würde man einen Farbklecks auf der Leinwand mit kreisender Handbewegung vergrößern, entstünde unwillkürlich eine Scheibe.

Ein Beckmann aus dem holländischen Exil

Das Bild ist nun mit einem Schätzwert von 800.000 bis 1,2 Millionen Euro eines der Spitzenlose der diesjährigen Abendauktion im Berliner Auktionshaus Grisebach. Nays Witwe hatte es unmittelbar nach seinem Tod für nur 90.000 DM an die Karstadt AG verkauft. Als der Konzern vor ein paar Jahren Insolvenz anmelden musste, wurde das Bild schon einmal von Grisebach versteigert. Nun wechselt es erneut den Besitzer.

Das gilt auch für das Strandbild „Braunes Meer mit Möwen“ von Max Beckmann aus dem Jahr 1941. Es zeigt ein gestrandetes Holzschiff, von wilden Wellen umtost und von Möwen erobert. Ein zerschlissenes gelbes Segel flattert einsam im Wind. In dunklem Blaugrau zeichnet sich der ferne Horizont ab. Entstanden ist es in der Zeit von Beckmanns holländischem Exil. Während des siebenjährigen Aufenthaltes in den Niederlanden schuf Beckmann ein Drittel seines Gesamtwerkes: 280 Bilder, darunter auch dieses.

Wie immer setzt Grisebach bei der Abendauktion mit ausgewählten Werken weiterhin auf die Klassische Moderne. Weitere Höhepunkte sind hier die vielen Bilder von Max Liebermann aus unterschiedlichen Schaffensphasen und das ausdrucksstarke Bildnis Helene Weigels von Rudolf Schlichter aus dem Jahr 1928, das die Bühnenschauspielerin mit sinnierend-scharfem Blick im blauen Kleid zeigt, eine junge Frau, die tatkräftig und modern wirkt. Zwei Jahre zuvor hatte der neusachliche Maler bereits ihren Lebensgefährten Bertolt Brecht porträtiert, sein Bild hängt heute im Lenbachhaus in München, ihres galt lange als verschollen.

Insgesamt wird bei den diesjährigen Herbstauktionen bei Grisebach der Umsatz gegenüber dem Frühjahr noch einmal erheblich gesteigert. Mit rund 1600 Werken kommt in mehreren Versteigerungen Kunst zu einem mittleren Schätzwert von 24,2 Millionen Euro unter den Hammer. „Der Anteil der zeitgenössischen Kunst am erwarteten Gesamterlös ist dabei mit einem mittleren Schätzwert von 5,33 Millionen Euro signifikant gestiegen“, sagt Micaela Kapitzky, eine der geschäftsführenden Gesellschafter bei Grisebach. „Im Frühjahr lag der mittlere Schätzwert noch bei 3,07 Millionen Euro.“

Ai Weiwei stiftet Holzskulptur für einen guten Zweck

In der Gegenwartskunst setzt das Haus mit Nagelbildern von Günther Uecker und Kissenbildern von Gotthard Graubner vor allem auf schon klassisch gewordene Nachkriegkunst. Skizzenbücher von Sigmar Polke und A.R. Penck stehen hier ebenfalls zur Versteigerung. Ganz wunderbar ist das „Erdtelephon“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1968, eine Assemblage, die ironisch-provokant ein antiquiertes schwarzes Wähltelefon aus Bakelit mit einem braunen Erdhügel verbindet.

In einer Benefizauktion in Kooperation mit der Galerie Max Hetzler und anderen zugunsten der Kayany Foundation, kommt auch eine von dem chinesischen Künstler Ai Weiwei gestiftete Holzskulptur unter den Hammer. Rund 800.000 Euro verspricht man sich von dieser Auktion mit 30 Werken für die Schulbildung von syrischen Kindern in Flüchtlingscamps.

Einen weiteren Höhepunkt bildet der verschollen geglaubte Nachlass des Goldschmieds Emil Lettré aus dem Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre der Orangerie-Auktion mit ausgewählten Objekten. In Lettrés Geschäft Unter den Linden ging ein und aus, wer Rang und Namen hatte, bei ihm deckte man sich mit Schmuck und Tafelsilber ein.

Außerdem gibt es unter dem Motto „Small is Beautiful“ noch eine Sonderauktion mit Kunstwerken im kleinen Format. Darunter sind drei seltene Postkarten mit Tierdarstellungen von Franz Marc von 1913 an seinen Künstlerfreund Erich Heckel. „Darauf freue ich mich ganz besonders“, meint Micaela Kapitzky. „Das ist etwas ganz Außergewöhnliches.“

Grisebach, Fasanenstr. 25, 27, und 73. Vorbesichtigungen aller Werke, 24.–28. November 2017, Fr. 10–20 Uhr, Sa–Mo 10–18 Uhr, Di 10–15 Uhr. Herbstauktionen: 29.11.–2.12.2017