Deutsches Theater

Wie in Melles Stück "Versetzung" die Welt zerspringt

Die Uraufführung des Stücks in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besticht durch Klarheit und große Schauspielermomente.

Die Schauspieler Daniel Hoevels (l.) und Helmut Mooshammer  bei der Fotoprobe des Stücks "Versetzung"

Die Schauspieler Daniel Hoevels (l.) und Helmut Mooshammer bei der Fotoprobe des Stücks "Versetzung"

Foto: dpa

Berlin. Er war der Super-Pädagoge der Schule, sollte den Direktor beerben. Doch jetzt sitzt Ronald Rupp erschöpft, durchnässt, zerstört auf dem Boden des Lehrerzimmers, mit Absperrband am Aquarium fixiert, zu seiner eigenen Sicherheit und der der anderen. Ein Bild des Jammers, das einem das Herz zerreißt. In dem Stück „Versetzung“, das Regisseurin Brit Bartkowiak als Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszenierte, werden wir Zeuge, wie einem die Welt zerspringt.

Geschrieben wurde der Text von Thomas Melle. Der weiß, wie sich das anfühlt. In seinem an allen Nerven rüttelnden Buch „Die Welt im Rücken“ beschrieb er seine eigene manisch-depressive Erkrankung. Und wie sich der Blick auf die Welt dadurch verändert. In seinem Auftragswerk fürs Deutsche Theater nun kehrt er die Perspektive um und zeigt, wie sich der Blick der Welt auf den manisch Kranken verändert.

Die Schule als Mikrokosmos der Gesellschaft ist dafür ein guter Ort. Dort weiß zunächst noch keiner von Ronald Rupps Erkrankung, sein letzter Schub liegt zehn Jahre zurück, bei der amtsärztlichen Untersuchung hat er ihn unterschlagen. Doch mit dem Erfolg kommen die Neider. Und die Gerüchte. Die Kollegen schielen auf den Posten, die Mutter einer Schülerin gibt sich als Ex-Affäre zu erkennen. Außerdem ist Rupps Frau schwanger. Der Druck auf Ronald nimmt zu. Sehr clever lässt Melle in seinem Text offen, was Ursache, was Wirkung ist, die sich anbahnende Tragödie schwingt untergründig von Anfang an mit. Es ist ein extrem genau komponierter Text.

Mit dem Regisseurin Brit Bartkowiak allerdings zunächst Schwierigkeiten hat. Anfangs wirkt die Inszenierung seltsam überzeichnet, inkonsistent, verkichert sogar. Doch in der zweiten Hälfte findet der Abend dann doch noch zu einer überzeugenden Klarheit, zu einer zwingenden Logik. Bemerkenswerterweise exakt in dem Moment, in dem Ronald Rupp beides abhandenkommt.

Rupps explodierende Neuronen befeuern seinen Darsteller Daniel Hoevels zu ein paar großen Schauspielermomenten: Mit erschütternder Wucht stemmt sich sein Rupp gegen die Krankheit und hat doch keine Chance, die Sprache wird ihm zum Verräter, er stammelt, spricht in Versen, verschraubt sich verbal bis zur Hysterie, wenn er uns das Reimschema eines Sonetts erklärt, als sei‘s das wichtigste Thema der Welt. Am Ende gerät das blau bezogene Spielpodest in Schräglage. Wasser fließt aus dem Aquarium, es entleert sich über dem lebensentleerten Rupp. „Wir sind“, hatte der schon vor der Tragödie gesagt, „alle Kippfiguren“.

Deutsches Theater (Kammerspiele), Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 23.11. und 25.11., 20 Uhr.

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