Kultur

Ein Drama übers Sterben, aber mit viel Humor

Dietrich Brüggemanns „Vater“ in der Box des Deutschen Theaters

Eigentlich wollte Michael (Alexander Khuon) wegfahren. Aber dann kommt ihm was dazwischen. Sein Vater (Michael Gerber), mehr Tumor als Mensch, liegt im Sterben, darum sitzt Michael nun an seinem Bett, starrt ihn an und ins Leere und manchmal beides. Er beginnt, über sein Leben nachzudenken und die Frage, welche Rolle der Vater darin gespielt hat. Eine ziemlich große, weiß man bald. Denn Michael konnte seinen Vater nie loswerden, immer saß er in seinem Ohr, manchmal hing er sogar auf seinem Rücken wie ein nasser Sack Sand, den er nicht abschütteln konnte. Dem Stück "Vater", das in der Box des Deutschen Theaters uraufgeführt wurde, gelingt es, die großen Fragen des Lebens zu stellen über Geburt, Tod, Liebe, ohne dabei in Rührseligkeit oder Pathos zu rutschen.

Geht es ums Sterben, ist eine Lebensbeichte erwartbar oder eine Versöhnung, ohne die der Sterbende nicht gehen kann und der Lebende auch nicht. Dazu kommt es nicht. In seiner ersten Theaterarbeit unterläuft Dietrich Brüggemann, der das Stück geschrieben und inszeniert hat, dieses Klischee. Mehr noch, er lässt den Vater gar nicht zu Wort kommen, bloß schlafen und in der Erinnerung des Sohns lebendig werden. Das gelingt Khuon. In einem fast 90-minütigen Monolog arbeitet er sich durch das Leben Michaels und das des Vaters gleich mit. Andere Darsteller braucht er dafür nicht. Als Platzhalter dienen in Janja Valjarevics Bühne Röntgenmonitore: Wird eine Figur erwähnt, knipst Khuon deren Bild an, bis immer mehr Skelette und Schädel im Dunkeln leuchten.

Für sein Theaterdebüt – zuvor hat der preisgekrönte Regisseur Filme gedreht – hat Brüggemann Khuon den Erzähler auf den Leib geschrieben. Einen, dem man gern zuhört, weil er das Besondere im Mittelmäßigen entdeckt, weil er Tragik und Komik so vermengt, dass einem vor Lachen das Herz schwer wird. Wie in seinen Filmen seziert Brüggemann auch auf der Bühne mit unverhohlenem Blick diese Vater-Sohn-Beziehung. Dass das Stück mit doppeltem Boden daherkommt – Khuons Vater ist Intendant dieser Bühne –, vergisst man schnell. Niemand wird seinen Vater los, egal, wie sehr man sich bemüht. Und jeder hat Angst, die gleichen Fehler zu machen.

DT Box, Schumannstr. 13a. Nächste Termine: 17. & 25.11., 19.30 Uhr; 6. & 16.12., 20 Uhr.

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