Kultur in Berlin

Christoph Eschenbach - ein Altmeister für das Konzerthaus

Der 77 Jahre alte Christoph Eschenbach wird ab Sommer 2019 Chefdirigent im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Dirigent Christoph Eschenbach, hier bei einer Probe mit dem Schleswig Holstein Festival Orchester

Dirigent Christoph Eschenbach, hier bei einer Probe mit dem Schleswig Holstein Festival Orchester

Foto: dpa Picture-Alliance / Markus Scholz

Nun ist es einfach durchgesickert, und Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann muss mit der Personalie an die Öffentlichkeit: Ein Nachfolger für den höchst populären Iván Fischer als Chefdirigent des Konzerthausorchesters ist gefunden. Fischer will sich mehr dem Komponieren und den Pro­blemen seines Budapest Festival Orchestra in Ungarn widmen – auf ihn folgt als Chef beim Konzerthaus der deutsche Dirigent Christoph Eschenbach. Der heute 77-Jährige wird ab der Saison 2019/2020 künstlerischer Leiter des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Iván Fischer bleibt dem Konzerthaus mit einer kaum reduzierten Zahl an Auftritten erhalten.

Die Nachricht trifft in Berlins Kulturszene auf einiges Erstaunen. Waren nicht die zuletzt so zahlreich neu verpflichteten Chefdirigenten für die Berliner Klassikszene immer jünger geworden? Als Signal des Aufbruchs wurde schon die Wahl Kirill Petrenkos (45) auf den wichtigsten Berliner Musikerposten, den Chefsessel bei den Berliner Philharmonikern, angesehen. Die beiden Rundfunkorchester Berlins, das Deutsche Sinfonieorchester und das Rundfunk-Sinfonieorchester, werben zurzeit sehr offensiv und um die Wette mit dem jugendlichen Elan ihrer beiden Chefs Robin Ticciati (34) und Vladimir Jurowski (45).

An der Komischen Oper entschied sich Intendant Barrie Kosky flugs für den Letten Ainars Rubikis (38). Da hielt man es schon fast nicht mehr für möglich, dass sich ausgerechnet das in den letzten Jahren so sehr verjüngte Konzerthausorchester, zuletzt mit dem Titel „Innovatives Orchester“ geehrt, für einen Altmeister entscheidet. Schließlich wird Eschenbach zum Amtsantritt fast 80 Jahre alt sein – und es ist auch noch dazu sein Wunsch, den Vertrag zunächst nur über drei Jahre laufen zu lassen.

Für den Intendanten ist der Neue „ein Universalgenie“

Ein Übergangspapst, ein Ratzinger für das geografische Zentrum der Berliner Klassikwelt, bevor dann in einigen Jahren der wirkliche Paukenschlag folgt? Mitnichten, der Paukenschlag ist da: Dass man junge Dirigenten als Galionsfiguren für die nach jungem Publikum gierenden deutschen Klangkörper braucht, ist eine Idee von Orchestermanagement und PR-Abteilungen und keine der Orchestermusiker selbst.

Beim Konzerthaus waren es eben die Musiker, die sich für den gebürtigen Breslauer und in Norddeutschland heimischen Eschenbach entschieden haben, wiewohl auch Intendant Sebastian Nordmann die Kontaktaufnahme seit einigen Jahren sehr befördert hat. „Ich kenne ihn seit Ewigkeiten vom Schleswig-Holstein Musikfestival“, sagt Nordmann, der dort als Kulturmanager einst erste berufliche Erfahrungen sammelte, während Eschenbach als Dirigent die Orchesterakademie des norddeutschen Musikfestivals leitete und zwischen 1998 und 2004 dem Festival auch als Chef des NDR Sinfonie­orchesters verbunden war.

„Für mich ist er ein Universalgenie, der Musikalität in jeglicher Hinsicht ausstrahlt“, sagt Nordmann über Eschenbach, der in den frühen 80er- Jahren nicht zuletzt als Klavierpartner des Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt von sich reden machte. Als Eschenbach dann vor drei Jahren erstmals vor das Konzerthausorchester trat, war er bereits nicht mehr der Jüngste – und doch, so Nordmann: „Es hat pling gemacht.“

Sebastian Nordmanns eigener Vertrag übrigens geht nur bis zum Jahr 2019

Was das Orchester besonders geschätzt haben und was durchaus mit Eschenbachs Alter, Gelassenheit und Erfahrung zu tun haben dürfte: „Er hörte sich erst mal an, was das Orchester macht, er wollte ausprobieren.“ Was namentlich dem Intendanten wiederum gefallen haben dürfte: „Er hat ein gutes Gehör in Bezug auf den Saal bewiesen.“ Und der ist als ein ehemaliges Schauspielhaus in Berlin bekanntlich der akustisch am meisten problematische Konzertsaal.

Dieses Schauspielhaus, 2006 in Konzerthaus am Gendarmenmarkt umbenannt, wird 2021 sein 200-jähriges Jubiläum feiern. Dies wird der Angelpunkt sein, um den sich Christoph Eschenbachs Berliner Wirken zunächst drehen wird. Und hier ist Eschenbachs Alter wiederum nicht ganz unwichtig: Der alte, seit je sehr asketisch wirkende Künstler, der kürzlich seinen Abschied als Chef des National Symphony Orchestra in Washington D. C. gab, wird in seiner Amtszeit beim Konzerthaus nicht mehr so viel anderes an Engagements eingehen.

Dafür wird er für die vorläufig drei Jahre seiner Amtszeit für acht verschiedene Programme am Gendarmenmarkt zur Verfügung stehen – eine Präsenz, die selbst der umtriebige Iván Fischer als Chef nicht leisten konnte. „Und während des Jubiläums“, so Nordmann, „spielt es natürlich eine Rolle, einen so erfahrenen Dirigenten wie Eschenbach an meiner Seite zu haben.“

Sebastian Nordmanns eigener Vertrag übrigens geht nur bis zum Jahr 2019 – und da Nordmann unbedingt mit Christoph Eschenbach zusammenarbeiten will, dürfte in diesem Zuge auch die Bindung des findigen und innovativen Intendanten an das Konzerthaus noch einmal erneuert werden. Berlins neugieriges Klassikpublikum wird dies nicht bedauern.