Absurdes Theater – Volksbühne enttäuscht

Die Volksbühne hat ihr Haupthaus eröffnet – mit einer Inszenierung des Künstlers Tino Sehgal. Wie es war, berichtet Felix Müller.

Nur der geschminkte Mund der Schauspielerin Anne Tismer ist bei der Theaterperformance mit Einaktern von Samuel Beckett und Arbeiten von Tino Sehgal in der Volksbühne in Berlin zu sehen (hier bei der Fotoprobe).

Nur der geschminkte Mund der Schauspielerin Anne Tismer ist bei der Theaterperformance mit Einaktern von Samuel Beckett und Arbeiten von Tino Sehgal in der Volksbühne in Berlin zu sehen (hier bei der Fotoprobe).

Ob es am Wetter liegt, an diesem widerlich kalten Novembersprühregen? Viel ist jedenfalls nicht übrig geblieben von den wilden Protesten, die Chris Dercons Intendanz am Rosa-Luxemburg-Platz seit Monaten begleiten. Um 18 Uhr sind bereits zwei Mannschaftswagen der Polizei vor der Volksbühne vorgefahren. Doch die Insassen werden nicht viel zu tun haben. Eine kleine Gruppe Aktivisten hat ein paar bunte Schirme aufgespannt, jemand schlägt mit einem Hammer auf die metallenen Poller vor den Türen. Es dröhnt ein bisschen und man fragt sich, was das soll. So wird es an diesem Abend noch öfter sein.

Nun ist also, nach den Tanzperformances am Tempelhofer Feld, auch das Haupthaus der Volksbühne eröffnet worden. Dercon hat dafür den international erfolgreichen Performancekünstler Tino Sehgal gebeten, einige seiner bereits anderswo gezeigten Arbeiten wieder aufzuführen. Und zusätzlich Walter Asmus für drei strenge Einakter von Samuel Beckett verpflichtet, der Galionsfigur des absurden Theaters. Asmus, geboren 1941, assistierte Beckett 1974 am Berliner Schiller-Theater bei dessen gefeierter "Warten auf Godot"-Inszenierung. Es gibt also, so gesehen, auch reichlich Bezug zur Theatergeschichte der Hauptstadt, die auch von der tragenden Rolle der wunderbaren Anne Tismer an diesem Abend beglaubigt wird. Oder, anders ausgedrückt: ein gehöriges Maß an Vergangenheitsseligkeit.

Plötzlich ist man Teil einer Inszenierung

Doch zunächst einmal herrscht: Verwirrung. Das ganze Haus soll bespielt werden, doch den meisten Gästen ist nicht klar, ob das nun alles synchron stattfindet und wo man sich nun am besten hinbegeben soll. So bilden sich die ersten Schlangen vor den Bier- und Brezelständen im Foyer, in den Vorräumen vor der großen Bühne sammeln sich Gesprächsgrüppchen und lösen sich wieder auf. Ich sitze auf einem Marmorsims unweit des Grünen Salons und frage meine Sitznachbarin, ob sie eine Performancekünstlerin ist. Das weiß man bei Tino Sehgal ja nie: Plötzlich ist man Teil einer seiner inszenierten sozialen Situationen und muss sich mit grundlegenden Fragen auseinandersetzen – zum Sinn des Daseins, zu internationalen Finanzströmen, zur eigenen Identität und anderem mehr. Meine Sitznachbarin sieht mich lange zweifelnd über den Rand ihrer Lesebrille hinweg an. "Nein", sagt sie schließlich, "sind Sie einer?"

In diesem Moment setzen laute Elektrogitarrenriffs und wummernde Bässe ein. An den Garderoben im Erdgeschoss spielen Mitarbeiter der Volksbühne mit der Beleuchtung. Hell, dunkel, hell, dunkel, dazu diese Musik: ein bisschen wie in den stroboskopbeleuchteten Dorfdiscos der Achtziger. Die Türen zum Saal werden geöffnet, alles strömt herein und nimmt auf dem terrassierten Boden Platz, den Blick auf die leere Bühne gerichtet. Der Bass ist hier anhand körperlicher Vibrationen erfahrbar. Wir sitzen etwa zwanzig Minuten, nach denen der riesige Kronleuchter zu unseren Köpfen plötzlich herabgesenkt und ein bisschen mit der Bühnentechnik herumgespielt wird. Dann öffnen sich die Türen des Saals erneut, wir sollen offenbar wieder nach draußen. "Was soll das?", fragt ein älterer Herr hinter mir.

Inzwischen wurden draußen die Performances von Tino Sehgal vorbereitet. Auf einer Leinwand im Erdgeschoss sehen wir ein überlebensgroßes Mangamädchen, das Fragen zu seiner eigenen Existenz formuliert – gespiegelt von einer lebensechten Performerin auf der anderen Seite des Saals. Das könnte in der Tat eine verstörende Wirkung entfalten, wäre der Rahmen dafür auch nur halbwegs gegeben – aber es ist durch den Publikumsverkehr einfach zu laut. Nur wer nahe genug an den Akteuren sitzt, kann die Szenen verfolgen, und so entsteht vor den Verkaufsständen und im Foyer bald deutlich mehr Gedränge. Jemand beklagt, dass kein Beck's verkauft wird. Eine Kollegin erzählt, sie sei schon viermal von jungen Menschen auf den globalen Kapitalismus angesprochen worden. Sie habe zurückgefragt, ob das nun die gleiche Performance sei wie damals auf der Biennale in Venedig. Dazu könne er nichts sagen, habe der Performer geantwortet. Es herrscht die Atmosphäre einer überfüllten Vernissage, auf der die Kunst die Neben- und die Frage nach dem nächsten Glas Weißwein die Hauptsache ist. Das ist schade, weil man den Arbeiten Sehgals doch Zuwendung und Konzentration schuldig wäre. Hier kann man beides nicht aufbringen.

Endlich etwas Mitreißendes

Inzwischen sind Stühle in den Saal gestellt werden, die Einakter Becketts – "Nicht Ich", "Tritte" und "He, Joe" können beginnen. Es sind Bewusstseinsströme verzweifelter Figuren in einer Sprache, die am Rand der eigenen Auflösung entlangtänzelt. Anne Tismer vermag den gesamten komplett abgedunkelten Saal nur mit ihrer Stimme mitzureißen und erntet dafür verdienten Applaus. Da gibt es sie plötzlich, die ergreifenden Momente, die sich aus den Sprachkaskaden Becketts speisen. Und doch schwebt auch über dem Rest des Abends die Frage, welchen Aufbruch ein klassisch dargebotener, naturgemäß minimalistisch inszenierter Klassiker für das Haupthaus der Volksbühne verkörpern und wohin dieser Aufbruch führen soll.

In den Begleitmaterialien zur Eröffnung beruft sich die Volksbühne auf ein Zitat aus den Arbeitsjournalen Bertolt Brechts: Neues zu wollen, sei veraltet - es könnte also neu sein, Altes zu wollen. Das Problem liegt aber darin, dass gar nicht erkennbar ist, was überhaupt gewollt ist. Ein ästhetisches Profil bleibt unsichtbar, und eine Konfrontation der Arbeiten Sehgals mit Beckett konnte dieser Abend schon deshalb nicht leisten, weil für Sehgal die Konzentration fehlte. Wer die Volksbühne einmal als Garant für Überraschungen, Subversion und neue Ideen schätzen gelernt hat, kann das nur traurig finden.

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