Film

David Kross und Frederick Lau: Eine Freundschaft fürs Leben

Im Film „Simpel“ spielen sie ungleiche Brüder. Die Berliner Schauspieler über Freundschaft und wie wichtig die Chemie beim Drehen ist.

 Brüder, das nimmt man ihnen sofort ab: David Kross (l.) und Frederick Lau

Brüder, das nimmt man ihnen sofort ab: David Kross (l.) und Frederick Lau

Foto: Amin Akhtar

Wenn man ihnen so gegenübersitzt im Lichthof des Dormero-Hotels, könnte man wirklich glauben, sie seien Brüder. So wie sie miteinander umgehen – und miteinander frotzeln. Die beiden Berliner gehören zu den versiertesten jungen deutschen Filmschauspielern: David Kross seit „Knallhart“ und „Der Vorleser“, Frederick Lau seit „Die Welle“. In der Tragikomödie „Simpel“, die jetzt im Kino läuft, spielt Kross seine bislang schwierigste Rolle als geistig Zurückgebliebener. Aber auch Lau berührt als sein jüngerer Bruder, der sich rastlos um ihn kümmert, auch wenn er damit völlig überfordert ist. Ein Gespräch über Freundschaft, Verbundenheit und die berühmte Chemie.

Berliner Morgenpost: Kompliment, meine Herren, man nimmt Ihnen im Film sofort ab, dass Sie Brüder sind. Wie kriegt man das hin, wie lange hat das gedauert?

Frederick Lau: Wir haben das erst mal für uns geprobt, sind zusammen in der Kastanienallee rumgelaufen und haben uns an der Hand gehalten. Um zu testen, wie das ankommt, wie sich das anfühlt.

David Kross: Der Plüschhase, den ich im Film die ganze Zeit trage, den hatte ich da noch nicht mit. Für den Anfang war das schon so ganz schön seltsam.

Lau: Wir haben aber dann relativ schnell gemerkt, dass sich das ganz gut und richtig anfühlt mit uns. Es war dann auch gar nicht mehr so viel Zeit bis zum Dreh. Wir hätten uns das gar nicht mehr erarbeiten können.

Kross: ... war aber auch gar nicht nötig.

Herr Kross, Sie spielen einen geistig zurückgebliebenen Mann. Hat man Angst, das könnte ins Lächerliche kippen?

Kross: Ja, da ist eine Angst, dass du nicht den richtigen Ton hinkriegst. Dass die Figur lächerlich wirkt. Oder das Ganze sogar ins Denunziatorische geht. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, es gibt einfach nicht so viele große Herausforderungen. Es gab also einen gewissen Bammel, aber den wollte ich auch überwinden.

Und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Kross: Ich habe mit Psychologen und Psychiatern gesprochen, war auch viel in Heimen und habe da Zeit mit geistig Behinderten verbracht. Um sie zu studieren und mir ein Gerüst zu bauen. Als ich meine Vorstellung hatte, wie mein Simpel aussehen soll, musste ich lernen, mit ihr zu leben. Ich habe die Rolle erst mal nur 20 Minuten am Tag gespielt. Das war so anstrengend, dass ich dachte, das schaffst du nie, das hältst du keinen Tag aus. Aber ich habe dann Tag für Tag immer ein paar Minuten mehr trainiert, und es fiel mir immer leichter. Der Dreh macht dann den Rest: wenn du das nicht mehr zuhaus für dich probst, sondern wirklich in einem Setting, in einer Rolle bist.

Herr Lau, Sie pflegen Sie im Film die Mutter bis in den Tod und kümmern sich dann ganz allein um den Bruder. Raue Schale, weicher Kern: Ist das Ihre Paraderolle?

Lau: Paraderolle, na ich weiß nicht. Aber es ist halt immer schön, wenn eine Figur einen Bruch hat. Dann wird sie ja erst richtig interessant. Hier bin ich ja aber eigentlich nur Zulieferer…

Sie untertreiben!

Lau:Nee, die wichtige Rolle ist nun mal ganz klar die von David. Ich habe ihm unheimlich viel zugeguckt und von ihm auch unheimlich viel bekommen. In jeder Szene ist mir das Herz aufgegangen. Dadurch entsteht auch so etwas, das über Freundschaft herausgeht.

Kross: Das hat dann auch unheimlich geholfen. Ich konnte mich da ganz fallen lassen, ich wusste, Frederick fängt mich auf, da war ein großes Vertrauen.

Familienangehörige pflegen, ein Vollzeitjob – ein großes Thema. Überlegt man, wenn man so was spielt, ob man das selbst machen, ob man das schaffen würde?

Kross: Ich finde solche Was-wäre-wenn-Fragen schwierig. Natürlich würde ich mir wünschen, ich hätte dann die Kraft für so eine Entscheidung. Aber das ist mir zu theoretisch. Ich verstehe auch jeden, der aufgibt, weil es seine Kräfte übersteigt.

Lau: Das kann jederzeit passieren. Ich bin ein Familienmensch durch und durch. Ich habe ja seit kurzem zwei Kinder, da hat sich ganz viel in meinem Leben geändert, auch in meinem Denken. Ständig kreisen meine Gedanken um sie, ständig hab’ ich Angst, denen könnte was passieren.

Würden Sie dafür die Karriere aufgeben?

Lau: Das ist eine schwierige Frage. Aber ich würde es nicht ausschließen. Es ist ja eine Bereicherung, im positiven wie im negativen Sinn.

Kross: Familie ist mir auch total wichtig. Wenn es denen dreckig ginge, würde ich für sie da sein. So wie sie ja auch für mich da waren. Wahrscheinlich geht so eine Karriere gar nicht, wenn man nicht eine Familie hat, die hinter einem steht und einen unterstützt.

Offensichtlich hat die Chemie zwischen Ihnen gestimmt. Wie wichtig ist denn Chemie beim Drehen wirklich?

Lau: Das Umfeld ist immer das A und O. Ich muss dich mich wohl fühlen, sonst kann ich nicht spielen. Ich habe letztes Jahr in Luxemburg und Belgien gedreht, da waren Leute am Set, die kannten mich gar nicht und haben sich wohl gefragt, warum spielt das kein Franzose? Mir ist wichtig, bis zum Beleuchter die Leute zu überzeugen, dass ich hier richtig, dass ich nicht fehl am Platz bin. Das ist meine erste Aufgabe.

Kross: Es geht da um Vertrauen. Auch um Schutz, in gewisser Weise. Man gibt ja viel von sich preis, das geht nicht, wenn man sich befangen fühlt.

Lau: Ich muss das Gefühl haben, ich kann jetzt kurz fliegen. Wenn ich mich aber immer umgucken muss, was denkt jetzt der oder die…

Kross: … dann stürzt du ab, Das ist ein gutes Bild.

Gab es das auch schon mal, dass keine Chemie da war? Und was macht man da?

Lau: Natürlich, immer wieder mal.

Kross: Ich will da jetzt aber keine Namen nennen.

Wie rettet man sich dann?

Lau: Das muss man irgendwie durchstehen, da muss man sich halt auf seine eigenen Fähigkeiten konzentrieren.

Kross: Natürlich kriegt man das auch irgendwie hin. Aber das ist dann halt viel mehr Arbeit.

Und haben Sie jetzt eine Freundschaft fürs Leben geschlossen? Oder verliert sich sowas nach einer gewissen Zeit wieder?

Kross: Doch, das würde ich schon sagen. Das ist ja auch eine Reise, die man da zusammen unternimmt. In dem Fall war es sogar ein ganz besonderer Film, der auch viel mit mir gemacht hat. So was hat man ja nicht so oft.

Lau: Wir telefonieren immer noch.

Kross: „Simpel und Ben, Ben und Simpel“ – der Spruch aus dem Film, der kommt immer noch.