Kultur

Gänsehaut pur

Die Highlights der Jüdischen Kulturtage am selben Abend: Ute Lemper singt in der Synagoge, im Wintergarten gibt es eine Hommage auf Leonard Cohen

Man kann es als unglückliche Terminierung ansehen. Oder als Zeichen, wie reich das Programm der Jüdischen Kulturtage ist. Zwei der Highlights jedenfalls haben am Montag am selben Abend stattgefunden: Ute Lemper feierte in der Synagoge Ryke­straße Deutschlandpremiere ihres Programms "Songs for Eternity", zugleich zelebrierten diverse Stars im Wintergarten eine Hommage auf Leonard Cohen zu dessen erstem Todestag.

Ute Lemper singt Lieder von Opfern und Überlebenden

Sie hat ihre "Songs for Eternity" schon in Italien und den USA aufgeführt. Jetzt ist Ute Lempers Flaschenpost am Ziel angekommen: in Deutschland. Es sind Lieder von Opfern und Überlebenden aus den Gettos und Konzentrationslagern, die sie bei den Jüdischen Kulturtagen vorträgt. "Das heutige Konzert ist eine schwierige, komplizierte Reise in die Vergangenheit", sagt sie mit schwerer Stimme. Sie widmet das Deutschland-Debüt den sechs Millionen Juden, die die Nazis umgebracht haben, und den Flüchtlingen in aller Welt, die heute an den Grenzen stehen. Dann singt sie Lieder, die damals in der Schlange an der Essensausgabe gesummt wurden oder auf dem Weg in die Gaskammer gesungen wurden.

Ilse Weber, die Gedichte, Märchen und Lieder geschrieben hat, ging 1944 mit einer Gruppe von Kindern in Auschwitz in den Tod. Sie ermunterte die Kinder, tief einzuatmen und aus voller Kraft zu singen, so mussten sie nicht länger als nötig leiden. Ihr Mann vergrub ihre Manuskripte in einem Pferdestall in Theresienstadt und fand sie nach dem Krieg wieder. Ute Lemper singt Webers Lied "Theresienstadt". Da steht sie auf der Brücke, blickt ins Tal in der Ferne und würde so gern einfach dahin gehen. Der Abend ist schwer zu ertragen. Er ist düster und beklemmend. Noch schlimmer wird es, wenn die Lieder aus den Lagern heiter und tänzerisch werden. Im holländischen KZ Westerbork hatte Willy Rosen beschwingte, sorglose Songs im CabaretTon der 20er-Jahre für den bunten Abend zu schreiben, der dort jeden Donnerstag stattfand.

Ute Lemper zählt zu den wenigen Showstars made in Germany. Sie eroberte das Londoner West End und den Broadway, feierte Riesenerfolge mit Kurt-Weill-Chansons und drehte Filme mit Robert Altman und Peter Greenaway. Sie pflegt einen weiten Horizont zwischen Chanson, Musical, Jazz und Pop. Das Thema des Holocaust hat ihr immer am Herzen gelegen. Schon vor 30 Jahren arbeitete sie an der Plattenreihe "Entartete Musik" mit. Sie hat einen jüdischen Ehemann und viele jüdische Freunde.

Vor zwei Jahren traf sie den italienischen Musikwissenschaftler Francesco Lotoro, der die Suche nach der Musik aus den Gettos und KZs zum Lebensthema gemacht hat. 5500 Stücke hat er bereits gefunden – eine Fundgrube für Ute Lemper, die sagt, sie sei durch ihre Verantwortung als Deutsche mit einer "Kammer voll Trauer und Schmerz im Herzen" aufgewachsen.

Sie singt ein schlichtes Wiegenlied von Johanna Spector und ein ausgefeiltes Kunstlied von Viktor Ullmann. Die jiddischen Lieder sind in der hallenden Synagoge Rykestraße nicht zu verstehen. Warum gibt es kein Programmheft? Solch einen besonderen Abend muss man doch nachbereiten. Die Texte nachzulesen, wäre das Mindeste. Aber es gibt nicht einmal eine Titelliste. Ute Lempers schöne Samtstimme nimmt ungewohnt harte, scharfe Züge an. Ihre Stimme besitzt auch den Mut zur Hässlichkeit. Dass sie ihre Popularität für dieses wertvolle Projekt in die Waagschale wirft, ist ihr hoch anzurechnen.

Deutsche Stars feiern Leonard Cohen

So hat man Leonard Cohens "So long, Marianne" noch nie gehört. Zweistimmiger Harmoniegesang, zart und kraftvoll zugleich, folkig, mit einem Hauch von Nashville-Country-Flair. Und vor allem auf Deutsch. Sarah Nücken und Steffen Brückner, besser bekannt als Mrs. Greenbird, singen "Leb wohl, Marianne". Betörend schön und melancholisch. Ganz im Geiste Cohens.

Vor genau einem Jahr verstarb der große Poet, Songwriter, Sänger, Autor und Komponist mit 82 Jahren. Nun wurde seiner am Vorabend des ersten Todestages mit "Berlin feiert Leonard Cohen" im Rahmen der 30. Jüdischen Kulturtage gedacht. Misha Schoeneberg, der vor gut einem Vierteljahrhundert Cohens lyrische Texte ins Deutsche übertrug, führt durch den Abend. Er erinnert dabei an den sprachgewaltigen Künstler mit der markanten tiefen, stets ein wenig kratzigen Stimme. Und er weiß, dass an diesem Abend in Cohens Heimatstadt Montreal ebenfalls ein Gedenkkonzert unter anderem mit Philip Glass, Sting, Elvis Costello und K. D. Lang stattfand.

Hinter diesen großen Musikern muss sich das Berliner Line-up nicht verstecken. Mit dabei sind etwa der vielfach preisgekrönte Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Sänger Jan Preuß. Beide, wie eigentlich alle Künstler an diesem Abend, bereits seit frühester Jugend glühende Verehrer von Leonard Cohen. Geboren 1934 in Montreal, entstammte der einer wohlhabenden jüdischen Familie, was ihn finanzieller Sorgen enthob. Er dichtete zunächst, hatte mit Musik wenig am Hut. Doch als er Ende der 60er-Jahre schließlich zur Gitarre griff und seine Poeme vertonte, kam der Erfolg.

Mit Rock oder Pop hatte Cohen nicht viel im Sinn. Seine ewigen Themen, Liebe, Pein und Tod, verpackte er in dunkle Melodien. Sparsam instrumentiert, aber dennoch intensiv und packend, wie auch die Hommage zeigt, die alle Facetten seines Schaffen funkeln ließ. Karsten Troyke etwa interpretierte "Das Dunkel". Auch Denis Fischer, Katharine Mehrling und Marianne Rosenberg, die das berühmte "Hallelujah" singt, schwelgen in den wehmütigen Songs.

Den wohl berührendsten Moment zaubert indes Meret Becker. Zwischen Stimmgewalt und zarten Tönen changierend, intoniert die Diseuse, Schauspielerin und Berliner "Tatort"-Kommissarin ihr Lieblingsstück, Cohens wohl ­intimstes Lied: "Chelsea Hotel". Gänsehaut pur.

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