Kultur

Empfindsamkeit, die nachhaltig berührt

Philharmoniker: Seong-Jin Cho springt für Lang Lang ein

Schlechte Nachricht für alle Fans von Lang Lang: Wegen einer Verletzung im linken Arm hat der chinesische Starpianist weiterhin alle seine Konzerte abgesagt. Auch die Berliner Philharmoniker müssen deshalb ohne Lang Lang auskommen – und dies ausgerechnet auf ihrer mehrwöchigen Asien-Tournee, die direkt vor der Tür steht.

Statt Bartóks Zweitem Klavierkonzert gibt es nun Ravels G-Dur-Konzert in der Philharmonie zu hören, für Lang Lang springt der Südkoreaner Seong-Jin Cho ein. Jener Pianist also, der vor zwei Jahren den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen hat und bereits vor sechs Jahren die Bronzemedaille beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Mit anderen Worten: ein hochdekorierter Ersatz, auf den man sich freuen kann – auch wenn Seong-Jin Cho im Vergleich zu Lang Lang momentan noch recht unbekannt ist. Mit seinem Philharmoniker-Debüt wird sich das aber hoffentlich bald ändern. Denn der 23-jährige Koreaner zeigt so ziemlich alles, was eine Ravel-Interpretation braucht: Transparenz und Sensibilität, Präzision und gediegene Klangfarben.

Dass sich Cho nicht etwa für ein Chopin-Klavierkonzert entschieden hat, sondern für Ravel, könnte an seiner musikalischen Sozialisation liegen: Seit 2012 studiert er am Pariser Konservatorium beim Ravel- und Debussy-Spezialisten Michel Béroff. Doch anders als sein Lehrer Béroff bewahrt sich Cho auch in den perkussivsten Momenten der Partitur eine Empfindsamkeit, die nachhaltig berührt. Eine Empfindsamkeit, die von den Philharmonikern unter Sir Simon Rattle allerdings nur teilweise gespiegelt wird. Denn im Gegensatz zu Cho, der sich klanglich eher an Saint-Saëns und Fauré orientiert, scheint Rattl­e vielmehr den expressionistischen Strawinsky in Ravels Klavierkonzert hervorkehren zu wollen – und verweist damit auf Strawinskys Ballett-Burleske „Petruschka“, die noch am Vorabend auf dem Programm stand und ebenfalls zum Repertoire der Asien-Tournee gehört.

Noch erstaunlicher ist freilich jene künstliche Einheit, die Rattle zwischen Richard Strauss’ „Don Juan“ und Brahms’ Vierter Sinfonie herstellt. In beiden Fällen herrscht schattenlose Brillanz und derart heitere Aufbruchsstimmung, dass man weder etwas von der Brahms’schen e-Moll-Melancholie erfährt noch von den dunkleren Seiten des legendären Frauenverführers Don Juan. Eilig wirken Rattles Tempi. Spannung erzeugt er vor allem von außen, weniger aus der Musik selbst heraus. Viel Luft nach oben also für die Philharmoniker, die zum Ende ihrer Tournee auch in der Staatsoper Unter den Linden zu Gast sein werden – am 30. November, mit Strawinskys „Petruschka“ und Rachmaninoffs Dritter Sinfonie.