Kultur

Aggressiv, nüchtern und weit entfernt vom alten Pathos

Der schwer kranke James Levine dirigiert erstmals die Staatskapelle

An diesen Auftritt hatte keiner mehr so recht geglaubt: Der schwer kranke James Levine gastiert nach einer gefühlten Ewigkeit wieder in Berlin, um erstmals die Staatskapelle zu dirigieren. Und dies, obwohl Levine schon seit längerer Zeit im Rollstuhl sitzt und kaum mehr genügend Kraft hat, um sich überhaupt aufrecht zu halten. Über eine eigens für ihn angefertigte Rampe ruckelt der US-amerikanische Dirigent nun mit seinem elektronischen Gefährt Richtung Pult der Philharmonie. Dem Publikum stockt der Atem: Kann das gut gehen?

Zumal ja immerhin Mahlers Dritte Sinfonie auf dem Programm steht, jenes abendfüllende Riesenwerk, das die gesamte Welt zu umfassen scheint und noch viel mehr. Ein Werk, das so mächtig und fordernd ist, wie Levine es in den 80er-, 90er-Jahren und bis weit ins neue Jahrtausend hinein selbst gewesen ist: der einflussreichste Maestro der Vereinigten Staaten, eine Art Daniel Barenboim im XXL-Format – mit erstaunlichen künstlerischen Parallelen.

Denn ebenso wie Barenboim war auch Levine ein pianistisches Wunderkind, ebenso wie dieser entpuppte er sich als früh vollendeter Dirigent mit Schwerpunkt romantische Oper und romantische Sinfonik. Doch während der 74-jährige Barenboim noch immer in Saft und Kraft steht, geht es dem gleichaltrigen Levine schon seit Jahren sehr schlecht: Nach einem chronischen Rückenleiden ist er auch an Parkinson und Krebs erkrankt.

Dass Levine an diesem Abend trotzdem Mahlers Dritte Sinfonie dirigieren kann, grenzt an ein Wunder. Und auch das, was er aus der hoch motivierten Staatskapelle herausholt, hätte man so kaum erwartet: Es ist ein Mahler, der vor allem im Kopfsatz Aggressivität und Nüchternheit ausstrahlt – und damit Lichtjahre vom pathetischen Klang der Karajan-Ära entfernt ist, den man sonst auch mit Levine gern assoziiert. Der Tod scheint in der Interpretation der Staatskapelle allgegenwärtig zu sein, mal grell und grotesk, mal nackt und eisig. Gleichwohl erschlägt das Orchester den Zuhörer keineswegs mit dieser radikalen Rohheit, denn Levine strahlt zugleich eine souveräne Ruhe aus. Er pflegt gemächliche Tempi und spannt weite Bögen. Zwar lässt das Orchester in den vier mittleren Sätzen in puncto Präzision leider etwas nach, und auch die statuenhafte Solistin Violeta Urmana überzeugt in Nietzsches „O Mensch“ nicht wirklich. Aber was den Zuhörer im Finale erwartet, ist wiederum ganz große Kunst: ein unendlich feiner Gefühlsstrom, der sich von sanfter Intimität bis zu unerbittlichem Schmerz steigert, von tiefster Melancholie bis zum erlösenden Aufschwung.

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