Theater

Odyssee durch eine fremde Welt

Die Welt ist eine Eiswüste, das Leben bloß Frieren: In „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ kämpfen zwei geflüchtete Kinder ums Überleben

Sind dem Sternenhimmel ausgesetzt:Tobias Vethake und Kotti Yun

Sind dem Sternenhimmel ausgesetzt:Tobias Vethake und Kotti Yun

Foto: Arno Declair

Yiza und Arian frieren. Eigentlich immer, seit sie fortgegangen sind. Ihre Kiefer klappern aufeinander, so kalt ist ihnen. Yiza und Arian kommen nirgendwoher und gehen nirgendwohin. Sie sind gestrandet in einer namenlosen Stadt in Deutschland, so wie alles für sie namenlos ist, weil sie diese Sprache nicht verstehen und nicht diese Welt, und keiner sie versteht. Sie selbst tun das nicht mal, denn Yiza kennt Arians Sprache nicht und Arian Yizas nicht. Das einzige Wort, das die beiden teilen, das ist "nichts". Dabei verbindet die beiden Kinder viel mehr. In Alexander Riemenschneiders Stück "Das Mädchen mit dem Fingerhut", das am Donnerstagabend seine Premiere in der Box des Deutschen Theaters hatte, ist es die absolute Fremdheit, die Arian und Yiza aneinander knüpft wie ein unsichtbarer Bindfaden.

Arian (Thorsten Hierse) und Yiza (Kotti Yun) treffen in einem Kinderheim aufeinander oder einer Asylstation für Minderjährige, es ist nicht wichtig für sie, wie die Einrichtung mit den vergitterten Fenstern heißt. Jedenfalls fliehen die beiden mithilfe eines Dritten, und sie suchen nach einem Ort, wo man sie in Ruhe lässt, sie Kind sein können und mal nicht frieren. Sie finden ihn nicht. Da ist nur die scharfe Januarkälte und Hunger und Durst, die sich schmerzhaft in ihre Körper einschreiben.

Marmeladenbrot und Wolldecke werden Lebensretter

Wie wertvoll ein Marmeladenbrot sein kann und eine Wolldecke dazu, dass die echte Lebensretter sein können, das macht Riemenschneiders Inszenierung immer wieder deutlich. "Wir sind reich", sagt Thorsten Hierse mit aufgerissenen Augen, als die Kinder sich über gebratene Eier und ein Brot hermachen, das sie gestohlen haben.

Mit kalkweiß getünchten Gesichtern quälen sich Hierse und Kotti Yun in den Rollen der beiden Kinder durch die öde Wildnis. Die weiße Farbe verblasst auf ihrer Haut, je mehr traumatische Erlebnisse die Kindheit aus ihren Körpern treibt, je länger ihre Odyssee dauert. So lange, dass sie am Ende "zu alt sind für Mitleid und Rührung". Auch sich selbst gegenüber. Wenn diese Welt zu zerbersten droht und die Sprache vollends versagt, weil der Durst ihre Kehlen austrocknet oder die Kinder Zeugen extremer Gewalt werden, das passiert ihnen einige Male, dann übernimmt Livemusiker Tobias Vethake.

In dieser Fläche aus Eis und Schnee gibt nur Hierses Stimme halt

Seine schrägen Dissonanzen und tiefen Bässe lassen den Zuschauerrang so beben wie das Geschehen die beiden Kinder. Die Missklänge unterbrechen immer wieder die Textlawinen, mit denen Hierse und Yun in dieser Bühnenadaption von Michael Köhlmeiers gleichnamigen Roman kämpfen, einem Kommentar zur Flüchtlingskrise. Riemenschneider hat sich dazu entschieden, das Stück auf den Text zu fokussieren, ihn nicht zu verstümmeln. Hierse und Yun werden so auch zu den Erzählern ihrer Geschichte.

Damit hat Hierse ja bereits Erfahrung, auch in dem Box-Stück "Transit" lässt er die Romanwelt bloß durch seine Stimme in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Das gelingt ihm auch hier. In dieser Bühne (Juliane Grebin), eine Fläche aus Eis und Schnee, so kalt und glatt wie diese Welt, ist seine Stimme das einzige, was Halt bietet. So wie diese beiden Kinder einander in der Fremde.

Box, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Nächste Termine: 5., 12., 16. November, 19.30 Uhr. Kartentel.: 28 441 225

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