Kultur

Die Regeln werden jeden Abend neu verhandelt

Mit erhöhter Lautstärke:„The Ocean is Closed“ im Hau1

Es kracht, schabt, scheppert, quietscht dröhnt, wummert, wimmert. Zuerst ganz leise, doch der Druck der Klang- und Geräuschwellen auf der kleinen Hinterbühne des Hau1 schwillt an, wird langsam zum Orkan im Ohr und kriecht von unten in die Füße der Zuschauer und durch die vibrierende Sitzfläche in den ganzen Körper. „Zeitweise kommt es zu erhöhter Lautstärke“ hatten sie am Eingang gewarnt und Hörstöpsel ausgelegt.

Es ist ein Gefühl von enormer Wucht, das einen erfasst, man fühlt sich diesen Tönen, Geräuschen, Schallwellen geradezu ausgeliefert. Auch das Performancekollektiv She She Pop und das Solisten-Ensemble „zeitkratzer“ liefern sich aus, nämlich einander. Genau das ist das Thema ihres gemeinsamen Abends „The Ocean is Closed“. Die sechs Neutöner von zeitkratzer experimentieren seit 20 Jahren mit Neuer Musik, Noise, Jazz und Avantgarde, sie ­adap- tierten Karlheinz Stockhausen ebenso wie Kraftwerk und Volksmusik aus der Schweiz und machten daraus ­akribisch zusammengesetzte Klangkunstwerke. Die Performancetruppe She She Pop dagegen kultiviert auf der Bühne das Unperfekte, sie sprengen Regeln und unterlaufen Erwartungen, gerne auch bis über die Grenze der Peinlichkeit hinaus.

Das birgt Möglichkeiten, die sie durchspielen: „Wenn das hier ein Wunschkonzert wäre …“ oder „Wenn dieser Abend nur von Schönheit handeln würde …“. Sie führen die Sätze nicht weiter, eine Auflösung gibt es nicht in diesem Spiel, das ein theatrales Konzert ist, ein Umkreisen, eine Befragung. Bewunderung für einander ist ebenso vorgesehen wie Verwunderung übereinander.

Da klemmt sich zum Beispiel Sebastian Bark von She She Pop das Instrument von Nora Krahl zwischen die Knie und bekundet, so ein Cello sei ja wie ein aufdringlicher Hund. Einmal legt Perkussionist Maurice de Martin die Sticks beiseite und berichtet wie er in den 90ern der schnellste Drummer der Welt war, weil er in New York mit Art Blakey (ehrfürchtiges Raunen im musikaffinen Teil des Publikums) geübt hatte. Was hier auf der Bühne zu einer Offensive eines weiblichen Zottelmonsters gegen derlei männlichen Geniekult führt.

Außerdem wird der Geist von Philip Glass beschworen, der von Ludwig van Beethoven auch. Instrumente werden oft abweichend von ihrer ursprünglichen Bestimmung traktiert. Mehrfach stellt jemand die Frage: „Was sind die Regeln?“ Die werden hier jeden Abend neu verhandelt. Laut und lustvoll, aber mit zweieinhalb Stunden Länge gegen Ende doch etwas zu ausführlich.

Hebbel am Ufer (Hau1), Stresemannstr. 29,
Tel. 259 004 27. Vorstellung: 30.10., 20 Uhr