Neue Ausstellung

Museum Barbarini zeigt DDR-Kunst

In seiner dritten Schau zeigt das Museum Barberini „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ – und schließt damit eine Lücke.

Selbsterforschung: „Selbstporträt mit Arbeiter" heißt das Bild von Norbert Wagenbrett, das 1983 entstand

Selbsterforschung: „Selbstporträt mit Arbeiter" heißt das Bild von Norbert Wagenbrett, das 1983 entstand

Foto: Bernd Settnik / dpa

Die Schau kommt zu einem Zeitpunkt, der besser nicht sein könnte. In Dresdens Museen tobt seit einigen Wochen ein Bilderstreit. Eine ziemlich hitzige Debatte ist darüber entstanden, dass die Kunstwerke des untergegangenen Landes aus den Museen "entsorgt" wurden, ausgelagert ins Dunkel der Depots. Weil sie uninteressant sind, keine Publikumsrenner, weil am Ende westdeutsche Ignoranz das beflügelt hat. Wo sind Werner Tübke, Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer und Arno Rink geblieben? Wie geht man nur um mit diesen Bildern. Ob es überhaupt möglich sei "unverkrampft" über jene Werke zu sprechen, die in der DDR entstanden sind, fragte Anne Hähnig kürzlich in der "Zeit".

Der kunsthistorische Ansatz soll beleuchtet werden

Ja, man kann – das zeigt die Ausstellung "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" im Museum Barberini in Potsdam, bereits die dritte Schau seit Eröffnung im Januar. Präsentationen zur DDR-Kunst gab es einige, doch diese in Potsdam geht einen anderen Weg: weg mit dem ideologischen Überbau, Freiheit für die Werke, die in ihrem kunsthistorischen Ansatz beleuchtet werden. "Der Umbruch, der ist da", glaubt Ortrud Westheider, Chefin des Barberini, das Kunstmäzen Hasso Plattner finanziert. "Die neue Generation geht viel unbefangener an die Werke." Diese Befangenheit hängt damit zusammen, dass DDR-Kunst stets mit der Frage nach der Kulturpolitik, also dem Verhältnis des Künstlers zum Staat zusammenhängt. Der Auftrag: sozialistischer Realismus. Dafür gab es Geld und manchmal auch leitende Positionen an den Kunstakademien oder in den Verbänden. Wer nicht mitzog, war Repressalien ausgesetzt.

Acht Themenräume und einen Skulpturen-Raum später ist man erstaunt, wie vielfältig, ironisch, extravagant oder eigenbrötlerisch, auch selbstkritisch die Werke von den 87 Künstlern sind. Die DDR-Kunstszene war bunter, als sie schien, kein gleichgeschaltetes Lager, wie viele denken. Künstler wie Cornelia Schleime stülpte sich 1982 Plastikbeutel über den Kopf und nannte ihre Performance frech: "Ich halte doch nicht die Luft an". Später ging sie in den Westen. Die Kulturpolitik war nicht starr, sie veränderte sich zwischenzeitlich, in den 70er-Jahren lockerte sie sich, nach Biermanns Ausbürgerung zogen die Genossen die Bremsen wieder an. In den späten 80er-Jahren ging vieles.

Am aufschlussreichsten sind die Selbstporträts und Rollenspiele mit Puppen und Masken, auch wenn sie aus heutiger Sicht manchmal etwas plakativ daherkommen. Trak Wendisch, der zu den jüngeren Künstlern der DDR zählte, malt sich als roter Narr, der auf dem Seil balanciert. Er hat keinen Spaß, das Gesicht ist verzehrt, der Mund offen, die Augen starren angsterfüllt in den Abgrund, der ist schwarz, wie überhaupt der ganze Hintergrund. Halt gibt es nirgends. Heinz Zander porträtiert sich 1989 als heruntergekommener Dandy mit zerschlissenem Arbeiter-Unterhemd unterm blutroten Rokoko-Morgenmantel. Die Schlafmütze hängt schräg auf dem Kopf. Der Tanz auf dem Vulkan hat längst begonnen. Micha Brendel, der zu den Autoperforationsartisten in Dresden gehörte, "zerhackt" 1985 in fotografischen Überblendungen den menschlichen Körper. Bei den Funktionären dürfte sich das Grauen breitgemacht haben.

Der Schwerpunkt der Schau liegt auf Malerei, voran die Leipziger Schule. Realistische Stile dominieren, Abstraktion galt als westliche Dekadenz. Sie ist Schwerpunkt der DDR-Kollektion von Plattner, die 80 Werke umfasst und noch wachsen soll, entstanden ist sie vor dem Hintergrund der Planung seines Museums in Potsdam. Wie wichtig sie ihm ist, verkündete er bei der Eröffnung, "ich finde, dass die Menschen während der DDR-Zeit benachteiligt waren und nach der Wende nochmals ungerecht behandelt wurden". Zehn Werke der Schau stammen aus seinem künstlerischen DDR-Imperium, die Leihgaben kommen aus Nachlässen, Galerien, Ateliers und Sammlungen. Dieser Austausch war ein Wunsch Plattners. Zum Thema soll weiter geforscht werden.

Auch Werke aus dem Palast der Republik sind zu sehen

Der Clou: Im dritten Stock sind erstmals seit mehr als 20 Jahren 16 großformatige Gemälde aus der Galerie des Palasts der Republik zu sehen. Heise, Tübke, Sitte. Wer diese Räume betritt, weiß sofort, was staatliche Repräsentationskunst bedeutete. Die Geschichtsklitterung ist erdrückend, Nostalgie wird da nicht aufkommen.

"Hinter der Maske" wird wieder seine Besucher finden, die gut aufgestellte, spannende Präsentation füllt eine Lücke in der Diskussion um die Kunst in der DDR. Vielleicht kommen die Dresdner einmal nach Potsdam.

Museum Barberini, Humboldtstr. 5–6. Alter Markt, Potsdam. Geöffnet: Außer Di, tgl. 10–19 Uhr. An jedem zweiten
Do im Monat 10–21 Uhr. Bis 4. Februar.
Katalog: 29,95 Euro

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