Kultur

Eine Totenfeier mit himmlischen Ausblicken

Deutsche Oper: Donald Runnicles dirigiert Mahlers Zweite Sinfonie

Durch ihren monumentalen Ablauf und Einsatz von gesungenem Text hat Mahlers Zweite Sinfonie einen fast musiktheatralischen Charakter. Als dritter Teil eines 2015 eingeführten Mahler-Zyklus an der Deutschen Oper Berlin kommt das Werk unter Leitung des Generalmusikdirektors Donald Runnicles auf die Bühne. Die Erfahrung des Ensembles mit Opernrepertoire und seine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Dirigenten lassen eine Interpretation mit starken, dramatischen Konturen entstehen. Gemäß Mahlers dynamischen Angaben grollen die tiefen Streicher mit wildem Ausdruck in den ersten Takten. Das elastische Tempo lässt eine große Spannung aufbauen. Auch wenn die Phrasen der Holzbläser zum Teil eckig sind, überzeugt der ursprünglich als „Todtenfeier“ konzipierte erste Satz mit einer stürmischen Stimmung, die in Strauß-artigen Blechbläsern ihren Höhepunkt erreicht.

Der volkstümliche Ländler des anschließenden Andante moderato ist durchaus authentisch, erbringt eine Leichtigkeit in den Streichern, ohne dass die Rhythmen an Gewicht verlieren. Schwungvoll, aber ohne Eile bleibt es in dem wirbelnden Tanz des dritten Satzes, in welchem Mahler auf Material aus seinem Liedzyklus „Des Knaben Wunderhorn“ zurückgreift. Das Orchester tritt in einen fließenden, kammermusikalischen Dialog. Während des ganzen Abends könnten die Hörner zurückhaltender und homogener sein, etwa im zart einleitenden Choral des vierten Satzes. Dennoch tragen sie auf interessante Weise zum Gesamtausdruck bei. Im letzten Satz zaubern sie mythische Landschaften, die an eine Wagner-Oper denken lassen, bevor sie schnell wieder auf die Erde herunterkommen müssen.

Gespenstige Trompetenklänge, die aus der Ferne spielen, schaffen eine Art akustische Illusion, die in einem Opernhaus noch theatralischer wirkt. Vor allem aber Mahlers Umgang mit der menschlichen Stimme regt die Fantasie an. Das Werk begibt sich auf das Territorium sowohl einer Messe als auch einer sinfonischen Dichtung, eröffnet himmlische Ausblicke, ohne den möglichen Verfall in den Abgrund auszuschließen.

Der Mezzosopran, der im vierten Satz „Urlicht“ auftritt, verkörpert eine Botin aus dem Himmel. Ronnita Miller, Ensemblemitglied der Deutschen Oper, verleiht dem Text eine warme Stimme und sorgfältige Aussprache, erfasst die Melancholie und das spirituelle Streben der Musik. Eine ganz andere Präsenz ist der Sopran Elena Tsallagova. Ihr polierter, leicht metallischer Ton dringt durch das Orchester, während ihr Ausdruck zwischen frommem Leiden und lebensbejahender Heiterkeit schwankt. Der von Jeremy Bines einstudierte Chor ist himmlisch homogen, besonders in den Frauenstimmen.

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