Sing-Akademie

Sing-Akademie gründet Stiftung fürs Vermögen

Ist noch auf der Suche nach einem festen Domizil, feiert nun mit einem Konzert im Dom die 225-jährige Geschichte: die Sing-Akademie

Das Haus der Sing-Akademie, hier auf einer Farblithografie von Ludwig Eduard Lütke aus dem Jahr 1842, wird heute vom Maxim Gorki Theater genutzt

Das Haus der Sing-Akademie, hier auf einer Farblithografie von Ludwig Eduard Lütke aus dem Jahr 1842, wird heute vom Maxim Gorki Theater genutzt

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Es gibt kaum eine musikalische Einrichtung in Berlin mit einer konstanteren und reicheren Tradition als die Sing-Akademie zu Berlin. Deshalb ist ihr Konzert am Sonntag im Berliner Dom ein großes Ereignis. Dieses erste Stiftungskonzert leitet einen neuen Abschnitt in der über 225-jährigen bewegten Geschichte der Sing-Akademie ein: Die unschätzbar wertvollen, weltberühmten Notenhandschriften aus dem Archiv der Sing-Akademie etwa, 2002 als ehemalige Kriegsbeute aus Kiew nach Berlin zurückgekehrt, sie werden nun nicht mehr vom Verein mit seinen drei Berliner Chören verwaltet.

Ex-Kulturstaatssekretär André Schmitz im Kuratorium

Nein, das finanzielle und kulturelle Vermögen des vom Komponisten Carl Friedrich Christian Fasch 1791 gegründeten Chorvereins ist nun der Vermögensstock der Stiftung und steht unter deren Aufsicht. Zum Kuratorium, das am Montag erstmals zusammentritt, gehören Persönlichkeiten mit weitreichenden Verbindungen in die Kulturszene wie der ehemalige Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, die Rektorin der Stuttgarter Musikhochschule Regula Rapp und die einflussreiche Kulturmäzenin Andrea Gräfin Bernstorff.

„Uns war es wichtig, hier eine Mischung von Personen aus Fachwissenschaft, Kulturmanagement, Zivilgesellschaft sowie von einer Bürgschaftsbank hinzubekommen“, sagt der Vorsitzende der Sing-Akademie, Georg Castell. Zur Trennung von Verein und Stiftung erläutert er: „Ein Verein muss seine Mittel ausgeben.“ Die Stiftung ihrerseits finanziert sich ihrem Wesen nach aus den Erträgen des Stiftungskapitals.

Dieses ist enorm. Schon der Besitz so wertvoller Autografen wie jener der Bach-Familie, der Hofkomponisten Graun und Hasse und anderer seit 1600 machte die Sing-Akademie als Organisation von Berliner Bürgern seit je unabhängig von staatlicher und kirchlicher Einflussnahme – anders übrigens als fast sämtliche Vokalensembles der quicklebendigen Chorstadt Berlin.

Die Sing-Akademie hat nun ihren materiellen Bestand gesichert: Ihr Vermögen ist rechtskräftig in der Hand der Sing-Akademie – nach jahrzehntelangem Rechtsstreit mit dem Land Berlin. Denn der materiell wertvollste Besitz des „Kunstvereins für die heilige Musik“ ist das Haus am Kastanienwäldchen Unter den Linden – das heutige Maxim Gorki Theater. Karl Friedrich Schinkel erbaute es 1821 für die Sing-Akademie auf einem Grundstück, das König Friedrich Wilhelm III. diesem stolzen Bürgerverein schenkte. Es ist der älteste Konzertsaal Berlins. Generationen von weltberühmten Musikern, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis Wilhelm Furtwängler, schätzten die Akustik. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, installierte die junge DDR-Regierung nach dem Wiederaufbau 1952 das Gorki-Theater.

Sie machte die Sing-Akademie über Jahrzehnte nicht weniger heimatlos als ihre exilierte West-Berliner Schwester, die Berliner Singakademie. Bereits 1990 wurde allerdings klar: Auch zu DDR-Zeiten ist die Sing-Akademie trotz faktischer Aufgabe ihres Besitzes nie offiziell enteignet worden, der Grundbucheintrag „Eigentum des Volkes“ aus DDR-Zeiten war nach der Wende juristisch gegenstandslos.

Seit 2006 gibt es auch einen Mädchenchor

Das Land Berlin hat den Prozess gegen die Sing-Akademie verloren: Das Maxim Gorki Theater muss das Haus am Kastanienwäldchen von der Sing-Akademie pachten. Die Sing-Akademie allerdings ist weiterhin auf der Suche nach einem festen Domizil, auch dies wird eine Aufgabe der neuen Stiftung sein. „Mich hat das Ergebnis des Rechtsstreites nicht verwundert“, sagte André Schmitz, der als Kulturstaatssekretär bis vor wenigen Jahren juristisch in dieser Sache aufseiten des Senats kämpfte. Die Summe, die das Theater der Sing-Akademie zahlen muss, wird dem Gorki-Theater nun vom Senat extra zugeschossen.

Der Steuerzahler zahlt damit indirekt an eine private kulturelle Stiftung – das Geld ist gut angelegt: Die Sing-Akademie ist alles andere als eine elitäre oder gar profitorientierte Institution. Neben dem traditionsreichen Hauptchor unter Leitung von Kai-Uwe Jirka hat die Chorleiterin Friederike Stahmer seit 2006 einen Mädchenchor aufgebaut.

Er besteht mittlerweile aus rund 150 Mitgliedern im Alter von 5 bis 20 Jahren – insgesamt sechs Chorgruppen, die als musikalische Bildungsmöglichkeit in ganz Berlin von sich reden machen. „Ein Mädchenchor passt gut zu uns“, sagt Lidwien Steenbrink, stellvertretende Vorsitzende und selbst aktive Mitsängerin im Hauptchor. Es seien schließlich vor allem die Frauen gewesen, die in der Institution Sing-Akademie über die Jahrhunderte für Kontinuität gesorgt hätten.