Kultur

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht mal vergangen

Was der Kommunismus anrichtete: Ilja Trojanows „Macht und Widerstand“ am Deutschen Theater

Als Ilja Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ vor zwei Jahren erschien, zeigten sich viele Kritiker überrascht. Auf fast 500 Seiten hatte der Autor des preisgekrönten „Weltensammlers“, sonst ein Geschichtensucher auf allen Gegenden des Globus, sich diesmal mit dem eigenen Land, mit der kommunistischen Vergangenheit Bulgariens beschäftigt. Viele Jahre der Archivarbeit und der Gespräche mit Zeitzeugen waren diesem Werk vorausgegangen. Aus all seinen Fundstücken puzzelte Trojanow die Geschichte zweier Männer zusammen, die auch hierzulande exemplarisch für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur stehen könnten – für das Ringen um eine gemeinsame Sprache, für das bewusste Verschweigen zurückliegender Verbrechen, für die Suche nach Wahrheit in den Akten.

Da ist zum einen Konstantin, ein Widerstandskämpfer, der der bulgarischen Staatssicherheit schon zu Schulzeiten auffällt und sich an einem Sprengstoffanschlag auf ein Stalin-Denkmal beteiligt. Und da ist Metodi, der ehemalige Offizier, der sich nach dem Umbruch von 1989/90 im politischen Apparat eine Nische gesichert hat und jetzt von früheren Taten nicht mehr allzu viel wissen will.

Die Montageform, bei der immer wieder seitenlang Akten zitiert wurden, ließ es abwegig erscheinen, den Roman für die Bühne kompatibel zu machen. Und doch ist es Regisseur Dušan David Pařízek, der diese Inszenierung zuerst am Schauspiel Hannover zeigte, auf ganz furiose Weise gelungen. Das Bühnenbild besteht nur aus einem Würfel aus Stangen, in dem sich mal die Wohnung Konstantins, mal die Amtsstube ehemaliger Weggefährten materialisiert. Im Hintergrund ein paar Tische und Garderobenstangen. Ein paar Overhead-Projektoren, die verloren in der Gegend herumstehen, werden in den drei Stunden des Stücks immer wieder Aktenauszüge und Fotos auf die Leinwände werfen, die das Bühnenbild komplettieren.

Es braucht auch nicht mehr als diesen Minimalismus. Die Schauspieler, allen voran der grandiose Samuel Finzi als Konstantin, leisten genug, um die Abgründe der Schuld, die Fesseln der Vergangenheit im Postsozialismus sichtbar zu machen. Finzis Konstantin ist eine im Innersten gebrochene Figur – nicht nur von den Jahren der Lagerhaft, auch von der Weigerung seiner Umwelt, sich mit dem Unrecht der Vergangenheit zu beschäftigen. Das macht ihn einsam und misstrauisch auch gegenüber liebevollen Annäherungsversuchen.

Metodi Popow hingegen, sein großer Gegenspieler, wird von Markus John mit gediegener Schmierigkeit verkörpert, durch die immer wieder die Gewalt eines autoritären Charakters schimmert – auch dann, wenn wir ihn nur in Unterhosen vor uns sehen. In wechselnden Rollen sorgen Sarah Franke und Henning Hartmann immer wieder auch für komische Momente – vor allen Dingen letzterer, der auch mal in die Rolle des Hundes schlüpft, der sich von Konstantin mit Leckerli versorgen lässt. So durchbricht immer wieder das Absurde diese tragische, tieftraurige Geschichte. Wer etwas über die Seelenverwüstungen des 20. Jahrhunderts lernen möchte, sollte sie sich ansehen.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13, Mitte. Tel.: 28441225. Nächste Aufführungen am
28. 10, 19.30 Uhr und 29. 10, 18 Uhr.