Kultur

Tori Amos trimmt ihr Konzert auf Kathedrale

Die Heldin der 90er-Jahre bleibt im Tempodrom im Pathos stecken

Ein Konzert, das man so gern gelobt hätte: Tori Amos, diese Vorreiterin der starken Popfrauen, Heldin der 90er-Jahre, wo sie sich zwischen Mainstream und Grunge hindurchfädelte mit ihrer eigenen Mischung aus Wut und Zerbrechlichkeit. Eine Frau, die genau wusste, was sie tat, warum und wie. Die es an Rotzigkeit und Präsenz sofort mit Jungs wie Kurt Cobain aufnehmen konnte, wenn sie denn wollte.

All das hat sie mit Mitte 50 immer noch. Aber wenn sie allein im Tempodrom am übergroßen Bösendorfer-Flügel sitzt und sich quer durch ihre Karriere singt, von „Little Earthquakes“ bis zum aktuellen, politischen Album „Native Invader“, hat ihre ganze Künstlerinnen-Person eine seltsame Patina angesetzt. Was und vor allem wie Amos es singt, ist komplett auf Ergriffenheit angelegt: nah am Mikro, viel Tremolo, jedes Hauchen ist zu hören. Und es gibt viel Hauchen an diesem Abend. Tori Amos’ Stimmumfang ist nach wie vor beeindruckend. Sie kann auch mitten im Song vom Flügel zum E-Piano wechseln, kann breitbeinig auf der Klavierbank sitzen wie auf einem Sattel, und mit der einen Hand das eine, mit der andern das andere Instrument spielen. Dabei starrt sie ins Publikum wie eine Stierkämpferin.

Nach einer halben Stunde aber fängt das Getragene, das hohe, von nichts abgefederte Pathos an zu nerven. Tori Amos’ Konzert ist durchgängig auf Kathedrale getrimmt: viel Hall auf der Stimme, nicht selten ihre eigene zum Choral dazugespielt, gern Streicher aus dem Synthie: diese ewigen Selbstverzehrungsklänge. Ein einziger Intensitätskult.

Die Fans im Tempodrom lieben sie dafür. Sie bejubeln jedes Lied nach wenigen Takten, von „Crucify“ bis zum neuen „Reindeer King“. Sonst sitzen sie sehr andächtig da, sehr still. Und Tori Amos wirkt, als wäre sie eine divenhafte Klavierlehrerin, die Tori Amos darstellt. Man nimmt ihr das Tori-Amos-Sein irgendwie nicht ab. Zu aufgedonnert wirken die Versionen ihrer Songs, zu gleichförmig in die Tasten gedroschen. Das ist alles nicht schlecht. Natürlich nicht. Jedoch auch nicht gut genug für die Berge an Bedeutsamkeit, die Amos jedem Stück auf die Schultern lädt.

Symptomatisch, dass neben „Siren“ – in dem sie für einen Moment den Tonfall ändert und fast so was wie rappt – vor allem „A Case of You“ aus dem Rahmen fällt. Ein wirklich poetischer Song, in wunderbarer Balance zwischen Verletztheit und Selbstironie. Nur stammt eben dieser Song von der großen Joni Mitchell. Schade eigentlich. Hinter Tori Amos leuchtet derweil das LED-Licht eines künstlichen Sternenhimmels, als sei es ein eingebautes Symbol: Ihre ganze Show wirkt am Ende wie eine ziemlich kalte Herzausschüttung.