Nachruf

Zum Tod von Andreas Schmidt: Ein echtes Berliner Original

Ein großer Darsteller des kleinen Mannes: Andreas Schmidt ist nach langer Krankheit gestorben. Er wurde nur 53 Jahre alt.

Am Ende schien Andreas Schmidt noch hagerer als sonst. Bis zuletzt hat der Schauspieler gegen seine schwere Krebserkrankung angekämpft

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Schräges Gesicht, hagere Statur, abstehende Ohren und eine kieksende Stimme: So wird man kein Filmstar. Und wenn man doch Schauspieler wird, dann landet man in der Schublade für die Fiesen und Bösen. So das Klischee. Andreas Schmidt hat bewiesen, dass es auch anders geht. Er hat sich mit seiner extrem glaubwürdigen, bodenständigen Art in die Herzen der Zuschauer gespielt. Als Sympathieträger, wenn auch als manchmal recht spilleriger. Nun ist er am Donnerstag gestorben. Nach langer, schwerer Krankheit, wie seine Agentin am Freitag bekannt gab. Er wurde nur 53 Jahre alt.

Bis zuletzt hat er gespielt und so gegen den Krebs gekämpft

Schmidt war Berliner durch und durch. Er ist zwar im sauerländischen Heggen geboren, aber aufgewachsen ist er im Märkischen Viertel von Berlin. Noch zu Mauerzeiten, als die Trabantenstadt noch nicht durch das ländliche Drumherum erträglicher wurde. Schmidt lebte dort unter prekären sozialen Bedingungen, wie er selbst einmal eingestanden hat. Er hat teilweise Hunger leiden und sich mit Prügeleien durchsetzen müssen. Aber dann hat er zu Büchern gefunden. Und festgestellt, "dass es Menschen gibt, die in der Lage sind, sich aus ähnlichen Nöten rauszuschreiben". Seine Gedanken in Büchern wiederzufinden, das habe ihn gerettet, habe ihn "mit der Welt versöhnt".

Zunächst hat er Germanistik und Philosophie studiert, belegte dann aber diverse Schauspiel- und Regieseminare und begann auf kleinen Bühnen in Mannheim, Dortmund und schließlich auch in Berlin. Ironischerweise waren es genau seine abstehenden Ohren – für die er sich lange geschämt hatte – die ihm 1987 seine erste Filmrolle in "Peng! Du bist tot!" eingebracht haben. Kurz darauf folgte "Linie 1", die Verfilmung des legendären Berlin-Musicals vom Grips-Theater. "Es war eher hilfreich, ein bisschen ungewöhnlich auszusehen", gab Schmidt später zu. Zumindest in den 80er-Jahren hätten die Leute das toll gefunden., "Heute", schmunzelte er, "wäre es schwieriger mit so einem schrägen Gesicht."

Klar, Schmidt hat auch beim "Tatort" und beim "Polizeiruf 110" mitgewirkt, und natürlich spielte er dort eher den verdächtigen Part. Aber er konnte sich dennoch als Charakterdarsteller durchsetzen. Oft und nicht zufällig spielte er dabei Typen von der Straße. Und er spielte sie so authentisch und glaubwürdig, als ob er wirklich daher käme. Hat für seine Rollen auch sein Umfeld aus der Jugend mit einfließen lassen. Und spielte das mit einer Kodderschnauze, die ihn zu einem echten Berliner Original machten.

In "Plus-Minus Null", der erste von gleich drei Filmen mit Eoin Moore, gab er einen Bauarbeiter so direkt und ehrlich, als sei er ein Laiendarsteller. Das machte ihn 1998 endgültig bekannt. Unvergessen ist sein vorlauter Brummifahrer in Andreas Dresens "Sommer vorm Balkon", obwohl er vom Gemüt und von der Statur her so ziemlich das Gegenteil war. Für seinen Gurki, den Schützenfestbarden mit Minipli-Locken in "Fleisch ist mein Gemüse" bekam er einen Deutschen Filmpreis, das KZ-Drama "Die Fälscher", in dem er einen der Insassen spielte, erhielt einen Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Schmidt blieb dem Theater treu

Bei allen Erfolgen beim Film ist Schmidt dem Theater immer treu geblieben. Und hat hier nicht nur als Schauspieler gearbeitet, sondern auch als Regisseur. Sein Debüt gab er 1997 in der Vaganten Bühne mit "Shakespeares sämtliche Werke", die eine Handvoll Schauspieler mal eben in 90 Minuten runternudeln. Ein Erfolg, der immer noch im Repertoire steht. Später hat er auch am Theater am Kurfürstendamm inszeniert und mit "Männerhort" wiederum einen Hit gelandet.

Freunde wussten schon länger von seiner schweren Krebserkrankung, die er gleichwohl tapfer ertragen und bekämpft hat. Wer ihn genauer kannte, konnte indes sehen, dass er noch schmaler geworden war und welche Kraft es ihn gekostet haben muss, noch zu spielen. Und doch wollte, ja musste er weitermachen. Seine letzte Regie-Arbeit an der Vaganten Bühne, "Tour de Farce" musste er schließlich abgeben. Dennoch hat seine Spiel-Lust ihn vielleicht sogar länger am Leben erhalten. Noch Anfang des Jahres war An­dreas Schmidt in "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" zu sehen, wofür ihm Andreas Dresen eigens einen Part hinzuerfunden hat, die in der Buchvorlage gar nicht vorkam – eine sehr ironische, in Frauenkleidern. Seine letzte Rolle spielte er in dem Drama "Die Unsichtbaren", das am 26. Oktober in die Kinos kommt. Da kann man den großen Darsteller des kleinen Mannes noch ein letztes Mal bewundern.