Deutsches Theater

Auf ins Land der zerschellten Träume: "Amerika"

Auf ins Land der zerschellten Träume: In „Amerika“reisen Ulrich Matthes und Marcel Kohler in ein trübes Land

Groß und klein: Marcel Kohler (Karl Roßmann) und Ulrich Matthes (Onkel Jakob)

Groß und klein: Marcel Kohler (Karl Roßmann) und Ulrich Matthes (Onkel Jakob)

Foto: imago stock / imago/Martin Müller

Elisa von Hof

"Amerika, Amerika". Zuerst wird es mit bedeutungsschwerem Blick gesäuselt, die Hand ruht auf dem Herz, wie es sich gehört für echte Patrioten. Später wird es dann gebrüllt, gejammert, geweint. Denn Karl Roßmann (Marcel Kohler) hatte gehofft, dass dieses Land ihn rettet. Dass er hier mehr Zukunft hat als zu Hause in Europa. Aber kaum ist er da, im Land der Träume, geht alles schief. In "Amerika", das am Mittwochabend Premiere im Deutschen Theater hatte, wird Karls jugendliche Zuversicht – alles wird gut, wenn man sich bloß anstrengt – durch den Häcksler gedreht.

Sein reicher Onkel (Ulrich Matthes) setzt ihn vor die Tür, ganz plötzlich und ohne wirklich verstehbaren Grund, dabei hat Karl sich doch so bemüht, ihn stolz zu machen, dieses kapitalistische Scheusal. Und dann wird Karl, da hängen die Schultern schon durch, von zwei Ganoven ausgeraubt und ausgenutzt. Und auch die Frauen, diese Biester, wollen alle nur das eine von ihm. Karl kann sich einfach nicht wehren, so unbedingt will er hier ankommen, in dieser undurchschaubaren Egoistengesellschaft. Als auch die Karriere als Liftboy im Hotel bloß in den Abgrund führt und in keine lichte Zukunft, bleibt nur noch eines für ihn übrig: das Theater, Ort der gebrochenen Existenzen und Paillettenkleider.

Regisseur Dušan David Pařízek zeigt frei nach Franz Kafkas Roman "Der Verschollene" ein Amerika, in dem der amerikanische Traum längst zerschellt ist und Roßmann gleich mit. Marcel Kohler, die einzige Konstante in diesem Rollenwechselspiel, treibt gramgebeugt von Unglück zu Unglück, die tiefen Augen immer jammervoller – das gelingt ihm famos.

Was ihm da widerfährt, das versteht er eben nicht. Der Zuschauer auch nicht. Vielleicht weil der Roman ein Fragment ist, vielleicht weil Kafka mehr Fragen als Antworten liefert. Vielleicht weil Pařízek auf eine Interpretation verzichtet – das ist schade. Und auf augenscheinliche Parallelen zum Amerika der Gegenwart – das ist gut. Die entstehen sowieso im Kopf der Zuschauer: Man ist über dieses Stück so ratlos wie über Trumps Wut-Tweets, aber man lächelt mehr. Über Ulrich Matthes' glänzenden Auftritt in goldenem Glitzerkleid zum Beispiel, das Schillerndste in diesem Amerika.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte.
Termine: 1.10. 19 Uhr, 7. & 21.10. 19.30 Uhr

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