Klassik

Üben, üben, üben - Mit Kirill Petrenko auf Tour

Interviews mag Kirill Petrenko nicht . Auf einer Asien-Tournee gibt sich der künftige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker offener.

Wird von den Kollegen für die Arbeitsmoral gelobt: Dirigent Kirill Petrenko. Ab 2019 arbeitet er auch in Berlin

Wird von den Kollegen für die Arbeitsmoral gelobt: Dirigent Kirill Petrenko. Ab 2019 arbeitet er auch in Berlin

Foto: Bayerische Staatsoper / Wilfried Hösl) / BM

Das Orchester schweigt. Kirill Petrenko betritt die Bühne mit einem Handtuch um den Nacken und einer Flasche Wasser in der Hand. Sein athletischer Körperbau und zufriedenes Lächeln lassen einen an einen Yoga-Meister denken. „Konnichi wa“, begrüßt er das Bayerische Staatsorchester mit einem leichten Beugen. Die Musiker kichern. Schon bei der einschneidenden Pause zwischen den Trompeten-Rufen, die Mahlers Fünfte Sinfonie einleiten, kommt die akribische Arbeitsweise des Dirigenten zum Vorschein. Vier Mal wurde das Programm bereits aufgeführt, zuletzt vor weniger als einer Woche in Seoul. Nun wird Petrenko auf Asien-Tournee mit der Bayerischen Staatsoper zum ersten Mal vor japanischem Publikum stehen im Tokyo Bunka Kaikan, einer 1961 entstandenen Konzerthalle mit berühmter Akustik.

Die Musik erlangt sterbende, zerbrechliche Qualität

„Deutlicher“, sagt er den Bläsern nach einer präzise aufgeführten Phrase. „Pianissimo und gesungen“, verlangt der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker noch, wie „aus dem Nichts“. Beim dritten Mal erlangt die Musik eine sterbende, zerbrechliche Qualität. Vor allem der langsame Adagietto erweist Petrenkos Sorgfalt um die Dynamik.

Für den 45-Jährigen ist die Arbeit an der Partitur nie fertig. Dass er am Klavier in den frühen Morgenstunden sitzt, ist den Musikern bekannt. Bei Premierenfeiern oder einem Umtrunk ist er nur sehr kurz dabei. „Man merkt es auch in den nächsten Konzerten“, so der Hornist und Orchestervorstandsmitglied Christian Loferer. „Die Dinge, wo er Potenzial sieht, werden sofort abgearbeitet – damit man es noch besser macht“. So intensiv ist die Arbeit, dass das Bayerische Staatsorchester unter Petrenko ein höheres Profil im Konzertmarkt gewonnen hat. „Spätestens seit seiner Ernennung zum Chef in Berlin hat die Aufmerksamkeit ein bisschen zugenommen“, so Loferer. „Wir sind auf der Bühne noch selbstbewusster“, fügt er an.

Petrenko weigert sich seit einem Jahrzehnt Interviews zu geben. Lediglich auf dem Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker gibt es ein halbstündiges Video-Interview. In Japan ist der Sturm um sein Debüt aber so groß, dass er einer Pressekonferenz nicht entkommen kann. Auch wenn Opernstars wie der Tenor Klaus Florian Vogt oder der Bariton Matthias Goerne aus dem Gastspiel von Richard Wagners „Tannhäuser“ an demselben Tisch sitzen, steht der junge Maestro im Mittelpunkt.

„Haben Sie ein Motto?“, lautet die erste Frage. „Wenn man von einem Motto sprechen könnte, dann würde es heißen: proben“, so Petrenko. Bei jedem Auftritt versuche er sich „so gut wie möglich vorzubereiten und in ausführlicher Probenarbeit, die Werke zur Aufführung zu bringen“. Die Sänger können dies nur bestätigen. „Es gibt Proben, die niemanden nutzen, und es gibt Proben, die sehr viel bringen“, so Vogt. „Proben, die sehr viel bringen, die erlebt man bei Kirill Petrenko. Und das Schöne ist tatsächlich, dass sich diese Arbeit in den Vorstellungen auch fortsetzt“.

Bei der Generalprobe von „Tannhäuser“ in der NHK Hall muss Petrenko sich nicht nur um die Noten kümmern. Die Inszenierung von Romeo Castellucci, in der der Venusberg zu einer lebendigen Skulptur aus dicken Hautfalten und sich windenden Körperteilen wird, ist auf eine höchstempfindliche Beleuchtung angewiesen. Unter den circa 400 Menschen, welche in der Asien-Tournee mitwirken, sind auch eigene Techniker. In der zweiten Szene muss der Scheinwerfer auf Venus, der Sopranistin Elena Pankratova, anders belegt werden, damit ihre Sicht auf den Dirigenten nicht beeinträchtigt wird. Ein Gespräch folgt mit dem zuständigen Personal. In der Pause lobt der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, Petrenkos Fähigkeit, Kompromisse zu erreichen: „Er ist ein Besessener, der ganz durchsetzen muss, was er im Kopf und im Ohr hat, andererseits aber ein Praktiker, der weiß, was Theater ist.“

Petrenko hält den Münchnern die Treue

Seine Kompromissfähigkeit spiegelt sich auch wieder in der Entscheidung, seinen Vertrag an der Bayerischen Staatsoper bis 2021 zu verlängern, obwohl er an die Berliner Philharmoniker berufen wurde. „Petrenko hat nicht nur eine Arbeitsmoral, sondern insgesamt ein Ethos“, so Bachler. „Er versucht das, was er für sich entscheidet – in dem Fall mit mir gemeinsam, was München betrifft, und in Berlin gemeinsam mit denen – so zu machen, dass es gut und richtig für beide Seiten ist.“

Die Entscheidung, seine Zeit ab 2019 aufzuteilen, hat Petrenkos Ansehen bei den Musikern in München noch gesteigert. „Grundsätzlich hätte ein anderer Dirigent gesagt: Berlin ruft, ich komme so schnell wie möglich“, gibt Loferer zu. „Wir schätzen ihn sowieso unglaublich, aber dafür schätzen wir ihn besonders, dass er die Treue hält.“

Für die erste Tannhäuser-Vorstellung in der NHK sammelt sich die hohe Gesellschaft Tokios. Bei den ätherischen Texturen der Ouvertüre sind die Streicher transparent ohne an Gewicht zu verlieren, die Bläser präzis aber leuchtend. Petrenkos Hände schweben zart in der Luft.

Vor der instrumentalen Reprise von Tannhäusers Lied treten barbusige Frauen mit Pfeil und Bogen wie ein Stamm von Engelkriegerinnen ein. Auch wenn der Venusberg teilweise einem Haufen von rauen Hühnerkeulen ähnelt, ist Pankratovas Legato zusammen mit dem Orchester so elegant, dass man über die Produktion nur schwärmen kann. Der erste Männerchor „Zu dir wall ich, mein Jesus Christ“, welcher in der Generalprobe wiederholt werden musste, ist homogen und rhythmisch auf dem Punkt.

„Am besten erzielt man in der Vorbereitung mit Orchester so viel Einigkeit, dass im Konzert der Maestro eigentlich kaum eine Rolle spielt“, so der Dirigent während der Pressekonferenz. Als das Publikum am Ende des Abends ihm und den Sängern stürmischen Beifall gibt, wirkt Petrenko stolz aber bescheiden, wie ein Handwerker, der gemeißelt und gefeilt hat, bis er wusste, er habe der Tradition so gut wie möglich gedient.

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