Kultur

Nachmittag eines Tänzers

„10.000 Gesten“: Boris Charmatz’ erste Premiere im Hangar der neuen Volksbühne

Weich werden, die Körperform verflüssigen und sich, gegen die Schwerkraft gestemmt, wieder aufrichten: So wärmt sich Samuel Lefeuvre auf, bevor er seinem Job als Tänzer nachgeht. Um seine Routine vorzustellen, pickt er uns aus dem etwa 100 Personen zählenden Pulk, der im Hangar 5 des Tempelhofer Flughafens an Boris Charmatz’ „A Dancer’s Day“ teilnimmt. Angekündigt ist das Nacherleben eines Tänzertages: Aufwärmen, Probe, Essen und Ruhen, dann Aufführung, Party und träumerische Zweisamkeit. Nach dem Warm-up übernimmt der Choreograf Boris Charmatz die Probenleitung, gibt Einblick in die Entstehung von „10.000 Gesten“, das am Abend Premiere hat. 10.000 Bewegungsfolgen haben sich seine 23 Tänzer ausgedacht – und keine, so die Vorgabe, wiederholt sich im Lauf des einstündigen Stücks.

Per Mittun eingenordet auf die Komplexität des Tänzer-Tasks, gibt’s zur Entspannung Kunst und Kulinarik: Sonne im Gesicht, Käse auf der Zunge, können wir Frank Willens dabei zusehen, wie er – nackt in der kalten Halle – Tino Sehgals Solo „untitled (2000)“ interpretiert, ein Medley ikonischer Choreografien des 20. Jahrhunderts.

Danach wird geruht, silbrig glänzender Tanzboden ausgerollt. 400 Gäste nehmen auf Francis Kérés Übergangstribüne Platz. Und dann bricht Charmatz’ „10.000 Gesten“ über uns herein: einen „Sturm der Gesten“ nennt er es, und wie Charmatz seine Truppe guerillamäßig die Tanzfläche stürmen und wieder auseinanderstieben lässt, ist sensationell. Atemberaubend sind Tempo und Präzision. Im choreografischen Wimmelbild flackern die (Hand-)Haltungen nur so vorüber, vom Kopfkratzen bis zur Segnungsgebärde. Erschöpfend, aber grandios. Das stimmt zwiespältig: Revolutioniert Charmatz einmal mehr die Choreografenkunst, die auf der Wiederholung und Variation von Bewegungen gründet? Oder zielt er auf den Überwältigungseffekt? Vorläufiges Verdikt: in dubio pro (cho)reo(graph).

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