Kultur

„Morgendämmerung“ im Pierre-Boulez-Saal

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Bernhard Clemm

Werk eines der letzten Schüler des Komponisten eröffnet unter Barenboims Leitung die neue Saison in dem Haus

Der 2016 verstorbene Komponist Pierre Boulez hat die Fertigstellung des nach ihm benannten Saales nicht mehr erlebt. Nun oblag es einem seiner letzten Schüler, zur Eröffnung der ersten (vollen) Spielzeit im Pierre-Boulez-Saal, ein Auftragswerk beizusteuern: Die Komposition „Al Fajr“ des 1989 geborenen Benjamin Attahir war der gehaltvolle Schluss- und Höhepunkt einer kammermusikalischen Reise durch die Epochen unter der Leitung von Daniel Barenboim. Erklärtes Motto seines Boulez Ensembles, seit Anfang dieses Jahres im genannten Saal beheimatet, ist der Dreiklang aus klassisch-romantische Repertoire, klassischer Moderne und zeitgenössischen Neuschöpfungen.

In diesem Sinne beginnt der Abend mit dem „Kegelstatt-Trio“ von Mozart für Viola, Klavier und Klarinette. Die mittleren Klangregister dieses unaufgeregten Stückes wärmen das hölzerne Oval des Saales auf. Eine Epoche weiter geht es zu Ravels quirliger „Introduction et Allegro“ für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett. Hier darf die Harfe brillieren. Harfenist Stephen Fitzpatrick nutzt diese Möglichkeit virtuos, durch jedes Arpeggio meint man eine Erzählerstimme zu hören. Klanglich gegensätzlicher könnte die folgende Viola-Sonate von Schostakowitsch gar nicht sein, eine schmerzverzerrte Musik entstanden kurz vor seinem Tod im Jahre 1975. Barenboim am Piano und die Bratschistin Yulia Deyneka liefern eine kristallklare, fast mechanische Interpretation, die diesem kompositorischen Abschied eines von seiner Zeit Ernüchterten anschaulich gerecht wird.

Nach der Pause ist es dann Zeit für die „Morgendämmerung“ von Attahir, so die Bedeutung des arabischen „Al Fajr“. Mit dem Titel will der Franzose mit libanesischen Wurzeln unter anderem den morgendlichen Gebetsruf seiner Zweitheimat Beirut aufgreifen. Die anschwellende Lautmalerei der Streicher, die diesen Gedanken nahelegen, verliert sich immer mehr in eine fliehende Tonmasse. Komplexe Rhythmen und Instrumentierung dominieren über Melodie und Struktur. Es ist ein sehr anspruchsvolles Werk, zum Zuhören wie zum Aufführen: Barenboim muss hier und da streng durchdirigieren, um den Zusammenhalt des zwanzigköpfigen Ensembles und des Pianisten zu bewahren. Trotz allem ein beeindruckendes Werk, für das der Komponist großen Beifall erhält. Und eine Nachhilfestunde im Verbeugen vom schalkhaften Barenboim, der den schüchternen Attahir mit der Hand im Nacken in alle vier Himmelsrichtungen des Ovals schiebt.