100 Jahre Ufa

Nico Hofmann: "Mir ist klar, dass ich abgeben muss"

Die Ufa feiert 100-Jähriges. Seit 1. September ist Nico Hofmann alleiniger Chef der Ufa. Das Produzieren muss er nun anderen überlassen

Nico Hofmann, Produzent und UFA Chef in Babelsberg

Nico Hofmann, Produzent und UFA Chef in Babelsberg

Foto: Reto Klar

Die Ufa wird 100. Sie wird das eigentlich erst am 18. Dezember. Gefeiert wird das aber schon groß am 15. September im Palais am Funkturm. Und just zum Jubiläum gibt es einen Führungswechsel: Der langjährige Chef der Ufa, Wolf Bauer, hat zwei Jahre lang die Geschäftsführung mit Nico Hofmann geteilt und zieht sich nun zurück. Der ..-jährige Hofmann ist seit 1. Dezember der alleinige CEO des Konzern. Wir haben ihn in seinen Büros in Potsdam-Babelsberg besucht.

Gratulation, Herr Hofmann, Sie sind jetzt alleiniger Geschäftsführer der Ufa. Fühlt sich das anders an seither, behandelt man Sie jetzt anders in der Belegschaft?

Nico Hofmann: Das fühlt sich gut an. Weil ich einen sehr starken Rückhalt im Team empfinde. Das trägt einen. Ich hatte außerdem eine sehr gute Übergangszeit in den zwei Jahren. Es fühlt sich trotzdem anders an, jetzt alleiniger Chef zu sein. Aber im Tagesgeschäft und an meinem inneren Zustand hat sich seit dem 1. September nichts Wesentliches geändert. Ich war an dem entsprechenden Tag in Barcelona, Glückwünsche habe ich per Telefon entgegengenommen.

"Bauer sucht Frau": Hätte man Wolf Bauers Suche nach einem Nachfolger für die Ufa auch so nennen können wie diese Ufa-Show?

(lacht) Nein, das war eine beiderseitige Überlegung. Bei Wolf ist es sein Lebenswerk, das am 15. September gefeiert wird. Wolf steht für fast 30 Jahre, also mehr als ein Viertel der gesamten Ufa-Zeit. Ich hingegen befand mich an einem Wendepunkt, an dem ich mich gefragt habe, ob ich bei der UFA bleibe oder noch mal etwas ganz Neues mache.

Was haben Sie denn in Ihrer Jugend mit der Ufa verbunden?

In meiner Jugend eigentlich nur die Ufa-Filmtheater, die gar nicht zu uns gehören. Die Lichtspielhäuser waren damals aber mit der Ufa-Raute noch sehr präsent. Im Studium an der Münchner Filmhochschule habe ich dann ein Jahr lang in einem Seminar alle Ufa-Filme systematisch geschaut, von den Stummfilmen bis hin zu all den Filmen der Nazi-Zeit. Besonders intensiv haben wir uns mit den Vorbehaltsfilmen auseinandergesetzt. Ich finde, diese Filme müssten viel öfter gezeigt werden, natürlich mit einer entsprechenden Einordnung, weil sie ein so unglaublich genaues Stimmungsbild geben, wie Faschismus und Propaganda perfide ineinander wirken. Propaganda im schlimmsten Sinne.

Und was verbinden Sie jetzt mit der Ufa?

Eigentlich das große Ganze. Nach 100 Jahren ist das ein bewusstes Bekenntnis zu dieser Geschichte. Das heißt: zu den eigenen Themen zu diskutieren, wo wir, auch erzählerisch, im Fernsehen Avantgarde sind und wo nicht. Fernsehen ist für mich heute genauso eine Kunstform wie das Kino. Das Besondere an der Ufa ist, dass sie so breit aufgestellt ist. Von jungen Regisseuren wie Christian Schwochow und Florian Cossen bis zu Entertainern wie Dieter Bohlen: Wir sind eigentlich wie ein eigener TV-Sender aufgestellt und produzieren alles, was man fürs Fernsehen produzieren kann. Im Augenblick geht es ganz stark darum, wie wir uns für die nächsten fünf Jahre aufstellen, und natürlich auch auf welcher Traditionsbasis wir das tun.

Was es nicht gibt zu 100 Jahre Ufa, ist ein Jubiläumsfilm, wie etwa zum 25-Jährigen mit "Münchhausen". War das eine bewusste Entscheidung?

Wir werden auf der Jubiläumsfeier eine filmische Inszenierung der Ufa zeigen. Mehr wollten wir bewusst nicht. Es gibt aber viele andere Gelegenheiten, die Ufa kennenzulernen. Da sind die Ufa-Filmnächte, die nach wie vor ein großer Erfolg sind. Außerdem arbeiten wir seit über zwei Jahren an einem eigenen Ufa-Film, der die ganze Geschichte des Konzerns als Fernseh-Event erzählt. Es gibt schon ein komplettes Treatment, aber wir wollten uns keinen Terminzwang auferlegen. Und dann bin ich durch die Wormser Nibelungen-Festspiele so angefixt, dass ich überlege, ob man die Nibelungen nicht noch mal neu verfilmt und ästhetisch neu fürs Fernsehen definiert. Aber dann müsste man eine Art deutsches "Game of Thrones" daraus machen, der Anspruch ist also hoch.

Ihr Name steht für Event-Mehrteiler, ein Ufa-Chef muss sich aber auch mit Formaten wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Deutschland sucht den Superstar" beschäftigen. Fühlen Sie sich da artfremd, oder haben Sie sich auch da eingearbeitet?

Ich habe da überhaupt keine Berührungsängste. Ich bin ein großer Fan von guter Unterhaltung. Ich schaue eigentlich alles. Ich habe auch ganze Staffeln von "DSDS" angeschaut. Mit Dieter Bohlen habe ich eine starke Beziehung aufgebaut und habe großen Respekt vor seiner Leistung. Es mag viele überraschen, aber ich habe auch zu diesen Shows eine große Affinität. Mich muss niemand dazu zwingen, ich empfinde Entertainment als große Bereicherung.

Sie haben mal als Filmregisseur begonnen, haben mir aber schon vor Jahren bekundet, dass Sie den Regiestuhl nicht mehr vermissen, seit Sie produzieren. Werden Sie das Produzieren auch nicht vermissen, wo Sie sich jetzt um solche Formate kümmern?

Ich denke, ich werde noch ein, zwei große Produktionen machen. Mir ist völlig klar, dass ich abgeben muss. Du musst jungen Leuten die Chance geben, sich frei und kreativ zu entwickeln, so wie ich das unter Wolf Bauer durfte. Wolf hat Talent und Energie immer neidlos anerkannt. Das gilt für mich genauso.

Die Ufa investiert groß in den Digitalbereich im Ufa-Lab. Ist das die Zukunft, ist Fernsehen schon gestrig wie Kino auch?

Ganz und gar nicht! Die tägliche Nutzung des linearen Fernsehens ist mit knapp vier Stunden immer noch relativ stabil. Klar, das sind hauptsächlich ältere Zuschauer, die Jüngeren gehen eher auf die Plattformen. Aber mir ist völlig egal, ob meine Nichte mit 16 "Charité" in der Mediathek guckt oder meine Schwester live auf dem Bildschirm. Hauptsache, ich erreiche das Publikum.

"Deutschland '83" war weltweit ein Erfolg, nur nicht in Deutschland. "Der gleiche Himmel" ist gar nicht mehr für den deutschen, sondern gleich für den Weltmarkt produziert worden. Ist das deutsche Publikum für die Ufa gar nicht mehr wichtig?

Sowohl "Deutschland '83" wie auch "Der gleiche Himmel" waren Produktionen, die von einer Amerikanerin bzw. einer Britin geschrieben wurden. Da kam also ein anderer Blick darauf, was im Ausland goutiert wird, während hier der Eindruck entsteht, das ist ein Produkt aus dem Ausland. Mich interessieren trotzdem nach wie vor Produktionen, die hier bei heimischen Sendern funktionieren. Der Erfolg von "Charité" und "Ku'damm '56" war für uns essenziell. Das sind ganz klassisch für den deutschen Markt produzierte Programme, die trotzdem auch im Ausland erfolgreich laufen. Wir wollen, wir müssen in diesen Weltmarkt. Aber wir unterscheiden ganz klar, welche Programme für die klassische Primetime produziert werden und welche eine Plattform und ihr Publikum begeistern.

Deshalb kämpfen Sie auch für eine Quote bei Amazon oder Netflix für europäische Stoffe?

Wir tun in Europa gut daran, dafür zu kämpfen. Wir reden hier über einen europäischen Fundus an Geschichten und Produktionsmöglichkeiten. Und ich habe dezidiert kein Interesse, dass amerikanische Produzenten Fördermittel aus dem DFFF abgreifen und dann wieder mit ihren Caravans nach Amerika entschwinden. Das ist dann höchstens eine Atelierförderung für Studiobetriebe, aber keine Kreativförderung. Wir wollen auf dem europäischen Parkett wirklich auf Augenhöhe anerkannt werden wie die Amerikaner. Netflix kauft ja auch ununterbrochen deutschsprachige Programme und streamt sie erfolgreich.

Gleichzeitig gibt es nach wie vor das Ärgernis um das Territorialprinzip. Die EU will dem Endverbraucher alle Programme grenzübergreifend zugänglich machen. Das würde jedem Produzenten den Boden entziehen?

Wir Produzenten sprechen uns ganz klar für den Erhalt des Territorialprinzips aus. Wenn die Politik dessen Wichtigkeit nicht anerkennt, wäre das das Ende des europäischen Produzentenmarkts. Nicht nur in Deutschland, in allen europäischen Ländern. Eine erweitere Mediathekennutzung, die wichtig ist, um sich gegen international agierende Plattformen zu behaupten, darf aber nicht endlos auf Kosten der Produzenten ausgedehnt werden. Die Politik geht hier nur vom Konsumenten aus. Aber die wenigsten Politiker überblicken, wie schwierig das Produktionsbusiness geworden ist. Brigitte Zypries versteht das, Sigmar Gabriel auch, aber im Kulturministerium stoße ich auf wenig Gehör. Da gibt es eine fast schon mäzenatenhafte Kinoförderung. Das kann man verstehen, darf aber nicht die Augen verschließen vor einer Medienwirtschaft, die maßgeblich vom Fernsehen dominiert wird; ein Milliardenmarkt, der Zehntausende in diesem Land beschäftigt. Wenn man das nicht versteht, und das scheint beim Kulturministerium so zu sein, ist ein Dialog schwierig.

Letzte Frage: Sie sind Ufa-Chef, leiten die Nibelungen-Festspiele, unterrichten nach wie vor an der Filmhochschule in Ludwigsburg. Wie kriegt man das alles unter einen Hut? Sie hatten ja vor Jahren schon mal ein Burn-out, droht da nicht die Gefahr, sich erneut zu überlasten?

Das schaffst du nur, wenn du extrem gute Teams hinter dir hast. Bei der Ufa habe ich diese Unterstützung, in Worms auch. Der Burnout hat damals Wirkung gezeigt. Danach habe ich einen großen Schnitt gesetzt, wie ich künftig mit meiner Energie umgehe. Das ist auch das zentrale Thema im Moment, wirklich loszulassen. Wenn ich nicht mehr loslassen würde, wäre das der Anfang vom Ende. Vertrauen in dein Team ist alles.

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